ADHS – Alle Dürfen Homogen Sein!6 Minuten Lesezeit

ADHS

Ich bin kein Arzt oder Neurobiologe, sondern Lehrer, Lehrercoach und Elternberater. Mit anderen Worten: Grundlagenforschung zum Thema ADHS habe ich nicht betrieben und dementsprechend auch nicht vorzuweisen. Meine Arbeit ist die eines Praktikers, der versucht, Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zum Thema ADHS (ADS, LRS, Dyskalkulie usw.) zu sichten und in seine Praxis zu integrieren. Nachdem ich viele Jahre lang mit Kindern, Jugendlichen und Eltern gearbeitet habe, komme ich zu dem unspektakulären Schluss, dass die Diagnose ADHS durchaus berechtigt und hilfreich sein kann.

Es mag Kinder geben, die eine besondere Unterstützung brauchen und für die es ein Segen sein kann, wenn ADHS festgestellt wird und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Und ich will an der Stelle deutlich hervorheben, dass wir bei aller Kritik, die aus meiner Sicht berechtigterweise zum Umgang mit dem Thema ADHS geäußert wird, endlich damit aufhören müssen, denjenigen Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden, die nicht mehr weiterwissen und angesichts entsprechender Expertenmeinungen auf das Medikament Ritalin zurückgreifen. Was soll das bringen, Eltern ständig an den Pranger zu stellen?

Ich habe noch nie Eltern erlebt, die gleichzeitig mit Richtersprüchen und Gewissensbissen malträtiert werden UND offen werden für alternative Sichtweisen. Erst dann, wenn Eltern den Eindruck gewinnen, dass sie respektiert und „gesehen“ werden (zum Beispiel von Lehrern, Medizinern, Psychologen, Freunden, Nachbarn, Schwiegereltern) werden sie möglicherweise zugänglich werden für neue Perspektiven. Blöd nur, wenn gerade den sogenannten Experten nichts Besseres einfällt, als Kategorisierungen vorzunehmen, Symptome zu bekämpfen, junge Menschen passgerecht zu machen, ein Mehr an „Regeln und Grenzen“ einzufordern und mit Buchstaben-Diagnosen zu jonglieren.

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Da haben wir den Buchstaben-Salat: ADHS, ADS, LRS, RS…

Geht man allein von der steigenden Anzahl von Kindern und Jugendlichen aus, die heute – speziell im Kontext Schule – mit Diagnosen wie ADHS, ADS, LRS oder RS etikettiert und in Förderprogramme gesteckt werden, könnte man tatsächlich meinen, dass die „Kinder von heute“ (und die Jugendlichen sowieso) immer schwieriger werden.

Ich wiederhole: Ja, es mag vereinzelt Kinder geben, denen es helfen kann, wenn ihnen eine besondere (und besonders gute) Förderung zuteil wird. Jedoch stelle ich massiv in Frage, ob ALLE jungen Menschen, denen ADHS bescheinigt wurde, tatsächlich ADHS (oder was auch immer) haben. Heute erhalten nahezu alle Kinder und Jugendlichen, die nicht innerhalb der Toleranzwerte unseres Normenkataloges liegen, irgendeine Diagnose. Oft ADHS. Klingt so verantwortungsvoll. Und entlässt die verantwortlichen Erwachsenen aus ihrer Verantwortung, die Verantwortung für die Qualität der Beziehungen und für ein symptomschaffendes Schulsystem zu übernehmen, das Heterogenität propagiert, jedoch Homogenität will.

ADHS-Test – Mit einem Hammer in der Hand sieht alles aus wie ein Nagel

Mittlerweile gibt es mehr Schüler, die in irgendwelche Arztpraxen, Förderverfahren, „Lernen-lernen-Veranstaltungen“, Nachhilfe-Institute oder Psychotherapien geschickt werden, als solche, die nicht auf’s Förder-Radar geraten. Ich weiß sehr genau, wie so etwas ablaufen kann: „Der Jonas (Jungen sind hoch im Förder-Kurs) hat Konzentrationsstörungen und wirkt so orientierungslos. Ich glaube, der muss mal auf ADHS getestet werden. Vielleicht hat der auch was Räumlich-Visuelles?“ Schnell betreten Experten die Bühne und gehen ihrem Expertentum nach. Etliche (nicht alle!) Experten handeln nach dem Motto: „Mit einem Hammer in der Hand sieht alles aus wie ein Nagel.“ Experten sind häufig Menschen, die viel über wenig wissen und ihr Können unter Beweis stellen wollen. Zu Rate gezogen werden sie nicht selten von Lehrern, die mit ihrer Autoritätskeule nicht mehr weiterkommen.

„Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!“

„Ja, und warum werden dann immer mehr junge Menschen in der Schule auffällig?“ Meine Antwort: „Weil unser Schulsystem nicht für Menschen gemacht ist.“ Etliche unserer Schüler leiden durchaus unter Aufmerksamkeitsstörungen bzw. Aufmerksamkeitsdefiziten, allerdings nicht in der Weise, wie diese Begriffe für gewöhnlich verstanden und verwendet wird. Kinder und Jugendliche sehnen sich danach, gesehen zu werden – auf der existentiellen, menschlichen Ebene und nicht auf der Ebene der Schüler, der Leistungen, der Vergleiche, der Defizite. Und wenn sie nicht als die gesehen werden, die sie sind (d.h. wenn ihr Bedürfnis nach Beachtung ungestillt bleibt), greifen sie möglicherweise irgendwann auf die Überlebensstrategie zurück, sich über auffällige Verhaltensweisen sichtbar zu machen. „Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!“, heißt es dann oft. Von solchen Haltungen müssen wir uns dringend verabschieden und stattdessen berücksichtigen, dass Schüler immer kooperieren. Sie kooperieren? Ja! Wenn sie nicht gesehen werden, sorgen sie dafür, dass sie gesehen werden. Hier dürfen wir von einer Form der Kooperation ausgehen, die wir indirekte oder spiegelverkehrte Kooperation nennen. Hingegen Schüler, die auf Dauer sehr still und unauffällig werden, kooperieren tendenziell direkt. (Empfehlen möchte ich an der Stelle das Buch „Vom Gehorsam zur Verantwortung“ von Jesper Juul und Helle Jensen. Viele Infos und Hinweise zu Weiterbildungsmöglichkeiten unter https://familylab.de/)

Auffällige Schüler teilen sich mit

Wir Lehrer müssen lernen, auffälliges Schülerverhalten und auffällig unauffälliges Schülerverhalten als Botschaften an uns zu verstehen und diese sehr ernst zu nehmen. Noch nie habe ich ein Kind sagen gehört: „Du Lehrer, schau` mich doch mal bitte an. Ich bin anders als alle anderen Kinder und das ist gut so. Hier, ich habe da mal eine Präsentation von Remo Largo zum Thema intraindividuelle und interindividuelle Variabilität. Und wenn du die durchgearbeitet hast, lass uns mal wieder reden. Bis dahin lässt du mich bitte in Ruhe mit deinem Blick und deinen Diagnosen.“

Nein, so etwas sagen Kinder nicht. Zumindest nicht direkt. Sie senden ihre Botschaften anders:

Sie drehen am Rad, werden aggressiv, können sich nicht einlassen, verletzen Grenzen, verweigern die Mitarbeit, sind unkonzentriert oder fangen an, unruhig bzw. „hyperaktiv“ auf dem Stuhl zu kippeln. 50 % der Kinder kooperieren direkt, indem sie die Einschätzungen der Erwachsenen auf lange Sicht bestätigen. Die anderen 50 % kooperieren spiegelverkehrt und wehren sich auf teilweise drastische Weise gegen die Integritätsverletzungen der Erwachsenen.

Die Durchschnittsschulen von heute beanspruchen (unfassbar viel) Zeit und Raum, verursachen Angst und Elend, erzeugen Druck und Enge. Und sie provozieren Symptome. Nein, früher war nicht alles besser, aber in meiner Kindheit war das Thema „Schule“ für gewöhnlich am Nachmittag beendet. Und abgesehen davon, dass einem nicht zwangsläufig der Abgrund drohte, sofern man kein Abitur machte, wurde man als Schüler nicht ständig verglichen, getestet, gefördert.

Kinder sind in ihren Entwicklungen sehr unterschiedlich und je älter Menschen werden, desto unterschiedlicher werden sie. Das ist kein Problem, sondern menschlich. Was ist ein Kind, das mit neun Jahren nicht lesen kann? Ein Kind, das mit neun Jahren (noch) nicht lesen kann.

Wer hat damit ein Problem?

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Dein Kind hat Probleme in und mit der Schule und du spürst, dass du mit den klassischen schulischen Zuschreibungen und Druckmachern nichts anfangen kannst? Vielleicht denkst du auch manchmal, dass du „irgendwie anders“ bist, weil alle anderen Eltern in deinem Umfeld überhaupt kein Problem mit dem Thema „Schule“ zu haben scheinen? Dann bist du sozusagen prädestiniert, um in meine Familienakademie zu kommen 🙂 

Hier geht es lang…

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

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