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Aggressiv, verhaltensauffällig, unbeschulbar – Patrick…4 Minuten Lesezeit

Patrick galt als aggressiv, verhaltensauffällig und unbeschulbar, als er in die fünfte Klasse unserer Schule kam. Seine letzte Chance, so hieß es. Er wirkte wie ein Pulverfass. Ein “falscher” Blick reichte, um ihn zum Explodieren zu bringen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf ihn zugehen sollte. Also ging ich auf ihn zu und sagte: “Patrick, ich hab` keine Ahnung, wie ich am besten auf dich zugehen kann. Hast du eine Idee?”

“Mir geht Schule komplett auf den Sack. Wer mir blöde kommt, kriegt was auf`s Maul! Lassen Sie mich einfach in Ruhe, wenn ich meine Ruhe haben will.” Da wusste ich, woran ich war. Ich entgegnete: “Du bekommst deine Ruhe. Wenn du merkst, dass du gestresst bist und alleine sein willst, gehst du aus dem Klassenraum. Ich vertraue darauf, dass du draußen keinen Mist baust. Wenn du reden willst, gib mir ein Zeichen. Und jetzt sage ich dir, was ich will. Ich will, dass du meine Schüler in Ruhe lässt. Deal?” – “Ja.”

Nach wenigen Wochen und einigen Faustkämpfen wirkte Patrick wie ausgewechselt. Er fing an, Gitarre zu spielen und eigene Texte zu vertonen. Er engagierte sich im Klassenrat, setzte sich für “schwächere” Schüler ein, übernahm Verantwortung in Krisenzeiten. Und er widersprach! Auch mir, dem Lehrer. Klasse Typ! Im letzten Sommer besuchte er mich mit seiner Freundin zu einem Sommerfest. Im Gepäck hatte er ein Fotoalbum aus der gemeinsamen Schulzeit und eine Menge Zukunftsvisionen. Tolle Geschichte, aber…

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Gerecht ist, wenn alle gleich behandelt werden?

Jede Geschichte ist individuell und ich weiß, dass Patricks Geschichte anders ist als all die anderen Geschichten, die sich jeden Tag an unseren Schulen zutragen. Es gibt andere Patricks (und Patrizias), die das beschriebene Vertrauensangebot dankend annehmen, den Klassenraum aggressiv verlassen, um alles kurz und klein zu schlagen. Jeder Lehrer arbeitet unter einzigartigen Bedingungen mit einzigartigen Schülern und Kollegen. Ich hatte damals, als ich auf Patrick traf, den großen Vorteil, mit einer Schulleiterin zusammenarbeiten zu dürfen, die meine Haltungen und Vorgehensweisen total unterstützte. An einer klassischen Schule hätte ich möglicherweise einen sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich “Lehrerverhalten” bekommen.

Aggressiven, verhaltensauffälligen Schülern Vertrauen entgegenbringen? Der ist wohl verrückt geworden… Nur: Was wäre die Alternative gewesen? Hätte ich Patrick nach der Devise abgefertigt “Gerecht ist, wenn alle gleich behandelt werden…”, wäre er komplett ausgerastet. Davon bin ich überzeugt.

Junge Menschen brauche keine letzte Chance – Junge Menschen brauchen Kontakt

Ich bin davon überzeugt, dass all die hochbegabten (also im Prinzip alle… ), all die besonders feinfühligen (also im Prinzip alle…) und all die “aus dem Rahmen Gefallenen” (also im Prinzip alle…) jungen Menschen zunächst mal keine “letzte Chance”, kein Ritalin, keinen Sonderstatus, keine Anti-Aggressions-Programme, keinen sonderpädagogischen Förderbedarf brauchen, um sich entsprechend ihrer Begabungen zu entfalten. Sie brauchen den gleichwürdigen, “echten” Kontakt zu integeren Erwachsenen. Zu Menschen, denen die persönliche Integrität der Einzelnen wichtiger ist als pädagogische Ziele.

Sehr viele Lehrer und Eltern entscheiden, Kindern / Jugendlichen im Alter im Alter von zehn bis achtzehn Jahren mit aller und letzter Kraft Grenzen zu setzen. Schließlich bräuchten junge Menschen eine harte Hand und ein konsequentes Durchgreifen. Da darf man sich schon fragen, wer hier eigentlich aggressiv unterwegs ist…

Aber gut, kann man so machen. Nur darf man sich nicht wundern, wenn sich die jungen Leute in der Folge innerlich und äußerlich distanzieren oder noch mehr auf die Barrikaden gehen. Druck erzeugt Gegendruck und bereits Kinder können eine beeindruckende Kraft aufbringen, um sich gegen die Macht der Erwachsenen zu stemmen.

Schluss mit den aggressiven Machtkämpfen!

Ich hoffe darauf, dass sich immer mehr Eltern gegen die alten Machtkämpfe entscheiden und stattdessen den gleichwürdigen und vertrauensvollen Kontakt suchen. Und das muss ganz sicher nicht heißen, zu allem “Ja!” zu sagen oder sich den mitunter elastischen Lebensentwürfen der Heranwachsenden gleichgültig gegenüber zu verhalten. Nein, Kinder und Jugendliche brauchen speziell in Entwicklungsphasen (“Trotzphase”, Pubertät) Eltern, die mit Interesse, Empathie und Erfahrungen am Wegesrand stehen und sagen: “Gib uns ein Zeichen, wenn du uns brauchst. Wir sind für dich da.”


Du hast auch ein Kind der Kategorie “Patrick” (oder “Patrizia”)? In meiner Familienakademie bekommst du garantiert nicht den Tipp, dass du deinem Patrick (oder deiner Patrizia) ganz viele Grenzen setzen musst! Hier triffst du auf Menschen, die Gleichwürdigkeit leben und vorleben wollen. Hier geht`s zur Familienakademie. Bis gleich?


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