Umgang mit Hausaufgaben – Eltern in der Verantwortung?

Hausaufgaben: Fester Bestandteil unserer Schulkultur mit großem Einfluss auf die Lebensqualität etlicher Familien. Täglich bemühen sich pflichtbewusste Eltern auf Kosten von Geduld, Zeit, Beziehungsqualität und / oder Gesundheit um vollständige und „richtige“ Hausaufgaben. Schließlich wollen sie das „Beste“ für ihr Kind. Und das heißt für nicht wenige Eltern eben auch, den Part des Ersatz-Lehrers zu übernehmen und das Konzept „Schule“ zu Hause fortzuführen. „Gerne“ auch zu Zeiten, da man vielleicht mal ausspannen und nichts tun könnte.

Unterschiedliche Eltern – unterschiedliche Sichtweisen

„Was bilden die sich eigentlich ein?“, beschwerte sich unlängst eine Mutter bei mir. „Nach einem 12-Stunden-Tag soll ich noch dafür sorgen, dass mein Kind die Hausaufgaben nicht nur erledigt, sondern auch noch korrekt abliefert? Nein, da mache ich nicht mit! Das ist nicht mein Job. Sollen die doch denken, was sie wollen!“

Andere (und aus meiner Sicht erstaunlich viele) Eltern äußern sich hingegen in der Weise, dass sie überhaupt kein Hausaufgaben-Problem sehen. Im Gegenteil. Sie seien sogar froh, dass Hausaufgaben erteilt würden, da man als Eltern mit Hilfe von Hausaufgaben einen Einblick davon bekommen könne, wo ihre Kinder „in den Fächern stehen“. Schließlich erzählten die Kinder ja nie etwas aus der Schule und geschadet hätten Hausaufgaben „uns ja auch nicht“.

Hausaufgaben werden also unter anderem deswegen erteilt, weil Eltern auf den neuesten Stand gebracht werden möchten / sollen und weil Hausaufgaben – zumindest im Weltbild der „Das-hat-uns-doch-auch-nicht-geschadet-Vertreter“ kein Unheil anrichten? (Literaturtipp: Sind Hausaufgaben Hausfriedensbruch?)

Umgang mit Hausaufgaben

Es soll Kinder geben, die gerne Hausaufgaben machen und kaum Unterstützung brauchen. Okay! Auch will ich anerkennen, dass es Eltern gibt, die es tatsächlich genießen, sich abends um 19.45 Uhr noch mit dem Kind vor ein Mathebuch zu setzen. Dann soll es so sein. Es ist nicht mein Anliegen, Menschen Probleme anzudichten.

Was aber ist mit denen, die angesichts des Themas „Hausaufgaben“ leiden? Was ist mit all den jungen Menschen, die einen Großteil ihrer Kindheit und Jugend in der Hausaufgaben-Planwirtschaft verbringen und auf Dauer verzweifeln? Was ist mit all den Eltern, die sich mit dem Lehreraushilfsjob überfordert fühlen und den nächsten Eintrag ins Mutti-Heft fürchten („Ich muss Sie leider darauf aufmerksam machen, dass Jakob wiederholt die Hausaufgaben nicht dabei hatte. Bitte klären Sie das!“)?

Und was ist mit all den Lehrern, die an ihren Schulen entgegen ihrer Werte und Überzeugungen Hausaufgaben erteilen müssen?

Wollen wir all diesen Menschen sagen, dass das Leben nun mal kein Ponyhof ist und der Ernst des Lebens wichtiger ist als das Leben selbst?

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Hausaufgaben – Eine Leidensgeschichte

Nach meiner Einschätzung ist die Geschichte der Hausaufgaben eine einzige Leidensgeschichte. Zu viel Müssen. Zu viel Gehorsam. Zu viel Schule.

Und: Zu wenig Lernen. Der (fachliche) Lerneffekt von Hausaufgaben ist verschwindend gering. Insbesondere dann, wenn Hausaufgaben in Verbindung mit Druck, Angst und Stress aufgetragen werden. Da wird dann eher Druck, Angst und Stress gelernt als Photosynthese.

Nach meiner Ansicht steckt deutlich mehr hinter den klassischen Hausaufgaben als das, wofür sie offiziell ausgegeben werden. Klassische Hausaufgaben führen allen Beteiligten jeden Tag vor Augen, wer das Sagen hat. Sie verpflichten Eltern zur inoffiziellen Unterrichtsassistenz und dienen dem „Lehrer der alten Garde“ als zentrales Instrument zur Disziplinierung und zur täglichen Unterrichtsvorbereitung. Fielen Hausaufgaben weg, müssten sehr viele Lehrer ihre Unterrichts-, Leistungs- und Autoritätskonzepte komplett überdenken.

Gleichzeitig – und das will ich immer wieder bedenken – würde ein Großteil der Lehrerschaft eben auch erleichtert aufatmen, so der Druck der Hausaufgaben endlich wegfiele.

Echt jetzt? Ja, echt jetzt. Das weiß ich aus eigener Erfahrung und aus unzählige Gesprächen mit Lehrerkollegen. Die Quintessenz:

Was man als Lehrer im Unterricht nicht alles machen könnte, wenn man nicht jeden Tag 15 Minuten lang „die Hausaufgaben kontrollieren“ und 10 Minuten neue Hausaufgaben erklären und mitgeben müsste…

Die Verantwortung der Eltern

Was können Eltern tun oder unterlassen, damit es angesichts des Dauerbrenners „Hausaufgaben“ nicht zum Familien-Flächenbrand kommt? Zunächst einmal können sie nach innen gehen und sich den eigenen Druck anschauen, der, wenn er zu groß wird, wie eine Art Brandbeschleuniger wirken kann. Außerdem halte ich es für wichtig, dass Eltern darüber nachdenken, wofür sie ihrer Meinung nach Verantwortung tragen und wofür nicht.

Ich meine, dass Eltern in erster Linie verantwortlich sind für sich und den eigenen „Tanzbereich“. Damit meine ich: Sie sind verantwortlich für die eigenen Grenzen und Bedürfnisse, das familiäre Stimmungsbild, die Qualität der familiären Beziehungen und die konkreten Alltagsanliegen. Wenn also Eltern zu der Auffassung gelangen, dass Hausaufgaben eine schulische Angelegenheit sind, dann können sie sich mutig bekennen und den Lehrern Entsprechendes mitteilen:

„Wir haben als Familie festgestellt, dass das Thema Hausaufgaben einen großen Einfluss auf unser familiäres Miteinander nimmt. Und das wollen wir nicht. Die Verantwortung für die Hausaufgaben tragen Sie. Die Hausaufgaben liegen ab sofort nicht mehr in unserem Verantwortungsbereich. Wir unterstützen unser Kind gerne und wir sind im Gespräch. Jedoch sind wir nicht verantwortlich.“

Gegenwind

Besonders herausfordernd kann es für Eltern in dem Moment werden, in dem sie merken, dass ihr Kind unter den Lasten der Hausaufgaben zu zerbrechen droht. Dann müssen sie eine Entscheidung treffen, die zum Beispiel mit folgender Frage eingeleitet werden kann:

„Wer oder was ist für uns wichtiger? Die Schule oder unser Kind?“

„Ungehorsame“ Eltern dürfen sich auf Gegenwind einstellen. Noch immer gibt es an unseren Schulen Lehrer, die starke Eltern hassen.

Dazu möchte ich zwei Gedanken bemühen:

  1. „Seit ich den Suchens müde ward, erlernte ich das Finden. Seit mir ein Wind hielt Widerpart, segl` ich mit allen Winden.“ (Friedrich Nietzsche)
  2. Verantwortlich für das Familienleben und für das Wohlergehen der Familienmitglieder sind die Eltern. Verantwortlich für das, was in der Schule passiert und aufgetragen wird, sind die Lehrer.

Du erlebst immer wieder schwierige Lehrer-Eltern-Gespräche?

Demnächst steht ein Gespräch in der Schule an und du weißt nicht, wie du zu deinen Überzeugungen stehen kannst?

Du weißt nicht, wie du mit dem Thema „Hausaufgaben“ umgehen kannst?

Ich biete dir an, im Rahmen der Familienakademie Klarheit über deine Unsicherheiten und Anliegen zu bekommen. Zum Beispiel indem du dich mit mir und den Mitgliedern zum Live-Elternabend triffst.

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Schule macht krank

Schule – Wenn Schüler und Lehrer im Überlebensmodus stecken

Wir könnten im Umfeld „Schule“ sehr viel Energie sparen beziehungsweise sinnvoller nutzen, wenn wir endlich damit aufhörten, Schüler in karge Klassenräume zu stecken, um sie unter Zuhilfenahme von Achtsamkeitsräubern wie zum Beispiel „Noten“ oder „Smileys“ zu „motivieren“.

Eines der größten Probleme, die wir heute an unseren Schulen haben, besteht meiner Ansicht nach darin, dass wir die Ursachen für die sogenannten Disziplin-, Lern, und Konzentrationsprobleme allein bei den Schülern und deren Eltern suchen. Täglich geben uns unzählige Schüler Rückmeldungen darüber, wie es ihnen geht. Zum Beispiel dadurch, dass sie aggressiv werden, sich zurücknehmen, desinteressiert wirken, nicht mehr „richtig“ mitmachen, mobben usw.

Überlebensstrategien

Und was machen viele (nicht alle, nicht alle, nicht alle) Lehrer und Schulleiter? Im übertragenen Sinne fahren sie in die Auto-Werkstatt, um die aufleuchtende Öl-Lampe des Autos entfernen zu lassen, anstatt den Öl-Stand und damit eine mögliche Ursache zu überprüfen. Wenn wir den Öl-Stand unseres Autos ignorieren oder fehlinterpretieren, bleibt es irgendwann stehen.

Was passiert nun, wenn wir die Rückmeldungen unserer Schüler ignorieren oder fehlinterpretieren? Möglicherweise bleiben auch sie stehen (freeze). Vielleicht bedienen sie sich aber auch derjenigen Überlebensstrategien, auf die Menschen im Gegensatz zu Autos in bedrohlichen Situationen zurückgreifen können: Sie greifen an (fight) beziehungsweise flüchten (flight).

Unsere Schulen sind durchsetzt von symptomschaffenden Praktiken, Glaubenssätzen und Strukturen.

Schüler motivieren

Wir setzen Schüler an „ihren Platz“, um sie dort abzuholen, wo sie stehen. Das ist bei genauerer Betrachtung ziemlich irre. Insbesondere dann, wenn wir gleichzeitig das Ziel ausrufen, Schüler zu motivieren.

Wir können Menschen genauso wenig motivieren, wie wir sie hungrig MACHEN können. Sicher: Wenn mir jemand eine wohlriechende Pizza vor die Nase hält, läuft mir ganz gewiss das Wasser im Munde zusammen. Jedoch können Pizza und Pizzabäcker den Hunger in mir nicht MACHEN.

Durchaus könnte man im Umkehrschluss nun meinen, als Lehrer dann halt jeden Tag in die Klassen gehen zu können / zu müssen, um – im Sinne eines motivierenden, appetitanregenden, auf die verschiedenen Geschmäcker ausgerichteten Unterrichts – Wackelpudding, Spaghetti Bolognese oder Bratkartoffeln zu verabreichen. Aber abgesehen davon, dass Menschen „autopoietische“ Systeme sind, d.h. Systeme, die sich permanent selbst erzeugen, ist es weder im klassischen Frontalunterricht noch im angeleiteten Projektunterricht möglich, immerzu Begeisterungsstürme und Motivationsschübe (bzw. Hungerattacken) auszulösen. Viele unserer Schüler werden nicht satt, obwohl sie ständig gestopft werden.

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Schule macht auch Lehrer krank

Ich behaupte, dass derzeit zigtausende Lehrer den Irrsinn des Schulsystems „bedienen“, indem sie gleichzeitig motivieren, bewerten, individualisieren, unterrichten, sanktionieren, „inkludieren“. Sie versuchen in gewisser Weise, Unmögliches möglich zu machen. Das wiederum führt u.a. dazu, dass sie krank werden, kränken oder den Lehrerberuf an den Nagel hängen.

Martin Mourier schreibt in seinem phantastischen Buch „Neue Führungskompetenz“: „Es kann ein gutes Zeichen sein, wenn die Leute krank werden, falls die Alternative wäre, sich selbst zu zwingen, etwas auszuhalten, was schlecht für einen ist.“

„Ab in den Trainigsraum…!“

Ich selbst weiß sehr genau, wie unfassbar anstrengend es als Lehrer ist, 26 Fünftklässler bei der Stange zu halten, die eben nicht „von der Stange“ sind, um nach 45 (oder 90) Minuten 28 Siebtklässler zu motivieren, welche den Kinderschuhen längst entwachsen sind und sich nicht über „Leckerlies“ oder Drohungen „motivieren“ lassen.

„Ab in den Trainingsraum“, schallt es im Jahre 2020 durch diverse Einrichtungen, „und dann denkst du über dein Verhalten nach!“ Mag ja sein, dass dann manche Schüler tatsächlich nachdenken. Ob ihr Nachdenken jedoch konstruktiv ist und im Sinne der Befehlshaber, bleibt abzuwarten.

Wir müssen uns bewusst machen, dass in den pädagogisch wertvollen Trainingsräumen bisweilen junge Leute sitzen, die einzig  darüber nachdenken, wie sie sich rächen können.

Energieraubenden Glaubenssätze und Strukturen

Meine Tochter (14) fragte mich vor einiger Zeit, ob Lehrer tatsächlich davon ausgingen, dass Schüler mehr Respekt hätten oder mehr motiviert seien, wenn Lehrer Verhaltenspunkte gäben. Ich fragte sie nach ihrer Meinung. Sie antwortete: „Ich habe Angst davor, dass ich bestraft werde, aber mehr Respekt vor den Lehrern habe ich dadurch nicht.“

Wir – und ich meine damit in erster Linie Lehrer, Schulleiter und Eltern – müssen uns auseinandersetzen mit energieraubenden Glaubenssätzen und beziehungsverhindernden Strukturen! Die „Eckpfeiler“ unseres Schulsystems lauten: Gehorsam, Misstrauen, ein insgesamt defizitorientiertes Menschenbild, Sanktionen, Gleichschritt, übergriffige Bewertungssysteme und die Überzeugung, dass Qualität von Qual kommt.

Unsere Schüler brauchen keine Noten. Wir, die Erwachsenen „brauchen“ Noten.

Ist das wahr?

Nein, selbstverständlich nicht. Wir GLAUBEN, Noten zu brauchen. Sogar unsere Schüler GLAUBEN eines Tages, Noten zu brauchen. Was für eine Not manche Glaubenssätze doch verursachen. Und sie schaffen Missverständnisse: „Meine Schüler WOLLEN, dass ich sie benote.“ Ja, klar.

Schüler brauchen Vertrauen

Ich wünsche mir „Vertrauensschulen“. Orte, an denen Kinder und Jugendliche darauf vertrauen dürfen, dass die Erwachsenen vertrauen. WIR dürfen darauf vertrauen, dass junge Menschen aus sich selbst heraus und mit Unterstützung von gleichwürdigen Lernbegleitern „in den Fluss“ kommen. Wir müssen nicht ständig Flüsse begradigen und uns darüber wundern, wenn plötzlich Wasser über künstlich errichtete Böschungen tritt beziehungsweise Deiche brechen.

Lerndialog zwischen Schülern und Lehrern

Wir können mit jungen Menschen in einen vertrauensvollen „Lerndialog“ gehen, indem wir uns für sie und ihre Belange interessieren. Wir können ihnen Angebote unterbreiten. Wir können Rückmeldungen geben. Wir können den achtjährigen Stefan fragen, warum es ihm so schwerfällt, sich mit Zahlen oder Buchstaben auseinanderzusetzen.

Nach meiner Erfahrung können nahezu alle achtjährigen Stefans oder elfjährigen Stefanies darüber Auskunft geben, wie es ihnen geht und warum sie sich vielleicht gerade nicht einlassen können. Solange wir jedoch voll sind mit Defizitgedanken, Bildern, Projektskizzen, Maßnahmenkatalogen oder auch unbehandelten Kleinheitsgefühlen können wir nicht wirklich zuhören.

 

Wir alle brauche Menschen, die uns zuhören. Auch wir Eltern. Die Familien-Community ist ein Ort, an dem Menschen einander zuhören. Du bist herzlich eingeladen, in unsere Gemeinschaft zu kommen, um mit mir und anderen Eltern zu wachsen. 

Du hast kein Risiko. 60 Tage kostenloses Rückgaberecht!

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Wie Eltern das Selbstwertgefühl ihrer Kinder stärken können

Das Selbstwertgefühl unserer Kinder stärken – Erziehung überwinden

Kinder nehmen ihren Körper am Anfang ihres Lebens sehr genau wahr. Sie sind kompetent darin, zu empfinden, zu fühlen, Bedürfnisse wahrzunehmen und ins Außen zu kommunizieren. In den ersten ein bis zwei Jahren schauen und spüren die meisten Eltern noch sehr genau hin, um die Botschaften ihrer Kinder bedürfnisorientiert zu deuten. Und wenn ihr Kind im Alter von vielleicht sechs Monaten den Kopf vom Löffel abwendet, gehen sie nicht aus von einem zu behebenden Verhaltensproblem. Nein, sie sehen ihr Kind an und stellen fest: „Anscheinend bist du satt.“ Ein Hauptgewinn, denn solche Sätze stärken das Selbstwertgefühl des Kindes.

Wenn Eltern anfangen zu erziehen…

Nach zwei, drei Jahren allerdings verlassen viele Eltern den Pfad der empathischen Begleitung, um einen Weg einzuschlagen, der geprägt ist von Idealbildern, Erwartungshaltungen, Moralvorstellungen, Normen und Erziehungskonzepten. Eine Eltern-Ansprache macht sich breit, die aufgrund ihres normalen Anstriches zwar unauffällig daherkommt, allerdings wirkt wie ein schleichendes Gift. Ein Gift, das tief eindringt in die Würde der (kleinen) Menschen und damit ihr Selbstwertgefühl schwächt.

Klassische Erziehungssätze

Aus dem Giftschrank der klassischen Erziehung stammen zum Beispiel folgende Sätze:

„Du musst doch jetzt keine Angst haben!“

„Reiß dich am Riemen!“

„Raus! Du darfst erst wieder zu uns kommen, wenn du lieb bist.“

„Das ist doch kein Grund, um traurig zu sein.“

„Selbst schuld!“

„Fräulein!!!“

„Nun hab` dich nicht so!“

Nun möchte man nachfragen, was daran so schlimm ist…

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Paula kommt nach Hause

Nach einem anstrengenden Tag kommt Paula nach Hause. Zum Abendessen erzählt sie:

„Das war heute ein richtig mieser Tag. Ich habe so eine Angst vor dem morgigen Tag. Was ist, wenn ich die Aufgaben wieder nicht schaffe?“

Lange muss Paula nicht auf die Antwort warten:

„Du Paula, mir fällt schon seit einiger Zeit auf, dass es dir an der richtigen Einstellung fehlt. Du musst dich einfach mal besser konzentrieren. Und hör bitte endlich auf, ständig dieses Theater zu spielen. Das Leben ist nun mal kein Ponyhof. Man kann sich seine Angst auch einbilden.“

Müssen wir, um der Frage nachzugehen, wie es Paula mit dieser Antwort geht, im Detail wissen, wer Paula ist und wer die Antwort gegeben hat?

Vielleicht ist Paula eine Drittklässlerin, die sich am Ende eines Tages ihrer Mutter anvertraut. Denkbar wäre allerdings auch, dass Paula bereits in den Vierzigern ist und ihrem Ehemann von der Arbeit berichtet.

„Du spielst doch nur Theater!“

Kommentare wie zum Beispiel „Du spielst doch nur Theater!“ oder „Man kann sich seine Angst auch einbilden!“ können sowohl einem Erwachsenen als auch einem Kind richtig weh tun. Während eine Frau nun allerdings durchaus der Frage nachgehen kann, ob sie auch zukünftig mit einem Menschen zusammen sein will, der ihre Gefühle ignoriert und abwertet, muss sich ein Kind irgendwie mit den wichtigen Menschen in seiner Umgebung arrangieren.

Kinder sagen nicht: „Mama und Papa, ich muss euch etwas Wichtiges mitteilen. Wenn ihr meine persönliche Integrität auch weiterhin verletzt, muss ich ernsthaft darüber nachdenken, ob ich nicht doch besser meine Sachen packe und gehe.“

Kinder, die nicht mehr „richtig mitmachen“

Kinder teilen sich und ihren inneren Schmerz mit, indem sie zum Beispiel im Alltag nicht mehr „richtig mitmachen“. Auch deswegen lade ich Eltern immer wieder dazu ein, das Thema „Zähneputzen“ nicht als reines „Zahnputz-Thema“ zu betrachten, das man mit Strenge, ruhiger Musik oder wohlschmeckender Zahnpasta klären könnte.

Sehr viele Kinder entwickeln angesichts vieler, kleiner Nadelstiche die Überlebensstrategie, die eigenen Gefühle zu unterdrücken und schließlich abzuspalten. Sie verinnerlichen die Überzeugung, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Das wiederum bedeutet unweigerlich, dass ihr Selbstwertgefühl Schaden nimmt beziehungsweise bereits Schaden genommen hat.

„Mit mir stimmt was nicht!“

Wie viele von uns wachen morgens mit dem Gedanken auf „Mit mir stimmt was nicht!“?

Wer in einer Umgebung aufgewachsen ist, in der Überleben nur möglich war unter der Voraussetzung der Selbstverleugnung und Selbstabwertung, wird die Überlebensstrategien „Selbstverleugnung“ und „Selbstabwertung“ mit hoher Wahrscheinlichkeit in sein Erwachsenenleben mitnehmen. Hinzu kommt, dass die Gefahr besteht, sich als Erwachsener immer wieder auf Menschen einzulassen, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit denjenigen Menschen aufweisen, die einst das Selbstwertgefühl schwächten.

Wendepunkte

Sehr viele erwachsenen Menschen geraten erst über schwerwiegende Symptome und existentielle Krisen an Wendepunkte.

Meinen wir wirklich, dass heute deswegen so viele erwachsene Menschen zur Therapie rennen, weil sie in ihrer Kindheit und Jugend zu wenig erzogen wurden?

Nach meiner Überzeugung leiden die meisten therapiebedürftigen Erwachsene unter ein durch Erziehung geschwächtes Selbstwertgefühl. Sie können sich nicht annehmen, sind getrieben von der Angst, nicht zu stimmen und drohen, von unerledigten, biographischen Angelegenheiten erledigt zu werden.

Das Gefühl, gefühlt zu werden

Wenn junge Menschen über ihr Verhalten stören, weisen sie darauf hin, dass sie in ihrem Selbstsein gestört werden bzw. wurden. Was brauchen Kinder und Jugendliche, damit sie ein starkes Selbstgefühl entwickeln können? Sie brauchen (wie alle Menschen) das Gefühl, gefühlt und gesehen zu werden, ohne irgendwelche Bedingungen erfüllen zu müssen.

Wer im Zusammenleben mit strafenden, verurteilenden und begrenzenden Autoritäten von seinen Gefühlen getrennt wurde, droht im Laufe der Zeit von seinen Gefühlen in Beschlag genommen zu werden. Wir besitzen nicht mehr unsere Gefühle. Sie besitzen uns. Und immer dann, wenn wir auf Menschen treffen, die uns auf dem unteren Pfad an unsere unterdrückten Gefühle erinnern, werden wir erinnert, ohne dass wir uns explizit erinnern.

Sich mit seinen Gefühlen aussöhnen

Ich glaube, dass wir sowohl als Eltern gut daran tun, empathisch und anerkennend nach innen zu gehen, um uns mit denjenigen Gefühlen auszusöhnen, die in unserer Kindheit möglicherweise abgewertet, belächelt, verdrängt wurden.

Solange wir uns nicht erlauben, das zu fühlen, was gefühlt werden will, werden uns traurige, ängstliche oder wütende Kinder an den eigenen unterdrückten Schmerz erinnern. Das wiederum kann dazu führen, dass wir unsere Kinder mit genau den Sätzen belasten, die UNS einst belasteten und auch heute noch wirken Blei.


Du willst deinem Kind dabei helfen, ein starkes Selbstwertgefühl zu entwicklen?

Du sehnst dich nach einem gleichwürdigen Austausch mit Menschen, die ähnliche Themen haben wie du? 

Du wünschst dir für dich und deine Familie mehr Klarheit und Leichtigkeit? 

Ich lade dich herzlich ein, Mitglied in meiner Familienakademie zu werden, damit du gemeinsam mit mir und mit anderen Eltern an DEINEN Themen wachsen kannst. 

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Eltern als Ersatzlehrer?

Corona und Schule – Müssen Eltern Ersatzlehrer spielen?

Eltern als Ersatzlehrer?

Fotocredit: Dmitri Ma/Shutterstock

Bis auf Weiteres fällt Schule aus. Bis auf Weiteres? Was heißt das? Möglicherweise geht es nach den Osterferien weiter. Möglicherweise nicht. Darüber entscheidet kein Terminkalender. Darüber entscheidet Corona…

Freude über Schulschließungen

Ja, es mag Schüler (und Eltern) geben, die sich angesichts der notwendigen Schulschließungen zunächst einmal gefreut haben. Und daran ist nichts zu kritisieren.

Erinnerst du dich nicht an längst vergangene Tage, als in Hofpausen das Gerücht kursierte, dass es heute „ganz bestimmt“ Hitzefrei geben würde? Und dann dieses Glücksgefühl, als kurz vor der Mittagspause die frohe Kunde mit Hilfe „modernster Spitzentechnologie“ verkündet wurde…

Der Schullautsprecher „springt“ an. Ein Rascheln. Ein Räuspern. Viel Bässe, kaum Höhen. Und plötzlich: ER spricht! Der Mann, der morgens um 8 Uhr noch daherkam wie ein Alien, erzielt nun die Wirkung eines Propheten. ER verkündet die heiligen Worte:

„Liebe Schüler, eine Mitteilung des Schulleiters. Ich muss euch leider mitteilen, dass…“

Leider?

Nix leider! Eher „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein…“ Oder wen oder was auch immer. Auf alle Fälle machten sich eine Menge Subjekte und Akkusativobjekte auf den Weg in Richtung Wannsee, Freibad oder Bolzplatz. Es war herrlich. Es war schulfrei durch Hitzefrei.

Schulfrei durch Corona

Und jetzt? Jetzt ist schulfrei durch Corona (aka „COVID-19“) . Das aktuelle „Schulfrei“ fühlt sich komplett anders an als damals, als wir wussten, dass die Temperaturen weder fallen werden und der alte Trott weitergeht. Das aktuelle „Schulfrei“ hält sich weder an Temperaturen noch an Zeitschienen. Und frei ist es schon mal gar nicht. Was auch daran liegt, dass unsere Schulen mit normopathischen Mitteln versuchen, auf ein „späteres Leben“ vorzubereiten, von dem niemand weiß, wie es aussehen wird.

Das „spätere Leben“: Unbekannt. Verstörend. Beängstigend.

Wir alle erleben eine Zeit, die für alle Menschen „irgendwie anders“ ist. Unbekannt. Verstörend. Beängstigend. Nicht, dass wir jemals DIE KONTROLLE über irgendetwas gehabt hätten. Aber mal ehrlich: Es kam uns so vor und nun blicken wir in eine Zukunft, die komplett unklar ist.

In Zeiten, da der Mensch meint, alles im Griff haben zu müssen – vom Google-Kalender bis hin zum Schüler – ist die Aussicht auf Unklarheit nicht besonders ermutigend. Wie gehen wir im Kontext Schule mit der gegenwärtigen und durchaus beängstigenden Situation um? Was macht eine Institution, die angetreten ist, um auf DAS „spätere Leben“ vorzubereiten?

Schule und Corona

Niemand – auch wir Lehrer nicht – war auf diese Situation vorbereitet. Innerhalb sehr, sehr kurzer Zeit mussten sich Lehrer darauf einstellen, dass Schüler über einen ungewissen Zeitraum zu Hause bleiben würden. Stellen wir uns das Krisenmanagement vor Ort vor:

Eilige Gespräche im Lehrerzimmer. Ansprachen durch Schulleiter. Erlasse durch Behörden. Entscheidungen werden getroffen, Briefe bzw. Emails geschrieben. Und schon sind Schulbücher im Kopierer, Dateien in E-Mail-Postfächern. Schnell, schnell, schnell! Man will sich ja nichts vorwerfen lassen.

 

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Lehrer auf der Suche nach Lösungen

Ich bin reflektiert genug, um zu wissen, dass die Bilder, die ich im Kopf habe, nicht unbedingt „der“ Wahrheit entsprechen müssen. Was ich indessen mit Sicherheit sagen kann, ist dass jeder Lehrer in den letzten Tagen versucht hat, seine Verantwortung zu übernehmen und Lösungen zu finden. Und dafür möchte ich mich bedanken. Als Vater. Als Kollege. Und auch als Leiter der Familienakademie, der jeden Tag mit dem Spannungsfeld „Schule“ zu tun hat.

Eltern als „Ersatz-Lehrer“

In den letzten Tagen erhielt ich zahlreiche Nachrichten von Eltern, die davon berichteten, dass ihre Kinder bzw. sie als Eltern seitens der Schule beauftragt wurden, Aufgaben von zu Hause aus zu erledigen. Mir geht es wahrlich nicht darum, diesen Punkt grundsätzlich in Frage zu stellen. Gleichzeitig möchte ich nachfragen, ob es angesichts einer auch für viele Familien bedrohlichen Krise wirklich notwendig und sinnvoll ist, Eltern zu „Ersatz-Lehrern“ zu machen und junge Menschen mit LKW-Ladungen an Aufgaben zu belasten.

Eltern sind Eltern!

Mir wurden Arbeitspläne zugespielt, die aussahen wie kopierte Lehrpläne. Mir erzählten Eltern, dass sie ihre Kinder in neue Themengebiete einführen sollen und dass das (neu) zu Erlernende prüfungsrelevant sei. Ich las davon, dass Grundschüler laut Lehrer jeden Tag vier Stunden arbeiten und Eltern dies einfordern und kontrollieren müssen. Und bitte: Die Abiturprüfungen werden wie gewohnt abgenommen. Und das alles in einer Zeit, die geprägt ist von Ängsten, Einschränkungen, Unklarheiten.

Liebe Kollegen, liebe Schulleiter, liebe Politiker: Nein, so geht das nicht.

Eltern sind Eltern und keine Ersatz-Lehrer. Auch und gerade während der Corona-Krise.

Unterricht von zu Hause aus?

Die Aufgabe von Eltern besteht speziell jetzt darin, der eigenen Familie und damit den eigenen Kindern Stabilität zu geben. Indem Eltern – von Existenzängsten geplagt – beauftragt werden, Kinder von zu Hause aus zu unterrichten, wird ein Druck erzeugt, der einfach nur komplett überflüssig und kontraproduktiv ist. So viele Eltern sind gerade unter anderem damit beschäftigt, Haushalts- und Zahlungspläne zu organisieren. Und dann sollen sie für uns Lehrer die Lehrpläne umsetzen? Hä? Und DAS muss uns bitte klar sein: Das, was in der „schulfreien“ Zeit in Hausarbeit erledigt werden soll, dient NICHT den jungen Menschen. Hier geht es lediglich darum, dass das System Schule gestützt wird.

Lebensferne Aufgaben

Es verstört mich (und wahrscheinlich nicht nur mich), dass Myriaden an Schülern „irgendwelche“ Aufgaben erledigen müssen, während ihre real existierende Lebenswelt in keinem Schulbuch der Welt abgebildet wird. Die konstruierte Lebenswirklichkeit, die in Schulbüchern oft eingeleitet wird mit Sätzen wie zum Beispiel „Du gehst mit deinen zwei Freunden ins Kino. Ihr habt 20 € dabei…“ holt junge Menschen ungefähr so wenig ab, wie mich der Satz „Bald findet die Fußball-Europameisterschaft ab und du und deine Freunde…“. Kino und EM fallen aus. Aber nicht wegen Hitzefrei. Wegen Corona.

Online-Thementag am 22.03.2020

Du bist Mutter / Vater und willst wissen, wie…

  • du am besten damit umgehst, wenn dir für die „schulfreie“ Zeit aufgetragen wurde, zu Hause Lehrer zu „spielen“?
  • du dich Lehrern mitteilst, wenn du nicht bereit dazu bist, die Rolle des Ersatz-Lehrers 1:1 zu übernehmen?
  • du dein Kind während der Corona-Krise (auch schulisch) unterstützen kannst?

Am Sonntag, den 22.03. veranstalte ich einen kostenlosen (jedoch Mehrwert bringenden) Online-Thementag zum Thema „Corona und Schule – Müssen Eltern Ersatzlehrer spielen?“

Auf dich warten:

  • Live-Interviews mit einer Mutter, einer Lehrerin, einer (ehemaligen) Schulleiterin, einer Expertin
  • Texte / Veröffentlichungen zum Thema
  • Austausch auf facebook mit mir und anderen Eltern
  • UND: Gelingens-Geschichten! Denn auch DAS ist mir wichtig. Sehr viele Kollegen nehmen ihre Verantwortung überaus empathisch, kreativ und beziehungsorientiert wahr.

Melde dich hier an

Liebe Grüße,

Andreas Reinke
INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Persönliche Verantwortung – Wenn Kinder „Ja“ zu sich selbst sagen dürfen

Wir fördern die persönliche und soziale Verantwortung junger Menschen kaum, indem wir mit Hilfe von Strafen oder Belohnungen Gehorsam einfordern und Referate über ein späteres Leben halten.

Kinder und Jugendliche, die in beängstigenden Familien und Schulen lernen, den Kopf einzuziehen und sich unterzuordnen, sind zumeist auch als Erwachsene überaus kompetent darin, folgsam und „richtig“ zu sein. Sie wissen, was zu tun ist, um fremden Erwartungen zu entsprechen, Strafen zu entgehen und andere Menschen zufriedenzustellen.

„Ja“ zu sich selbst sagen

Das Eigene zu verantworten, ist entfremdeten Menschen indessen fremd, da sie nicht gelernt haben, „Ja“ zu sich selbst zu sagen. Sie haben gelernt, „Jawoll!“ zu sagen.

Fremdbestimmte Menschen sind Fremde im eigenen Leben. Ihnen fehlt der Kontakt zu den wesensgemäßen Bedürfnissen, Grenzen, Interessen und Gefühlen, da sie sich selbst aufgeben mussten, um dazuzugehören.

„Und was heißt das?“, höre ich immer wieder empörte Erwachsene sagen, „Sollen Eltern und Pädagogen jetzt etwa alles abnicken, was Kinder wollen und tun?“

Nein!

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Das Bedürfnis nach Integrität

Das Bedürfnis, nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit ist in uns Menschen genauso angelegt wie das Bedürfnis nach Integrität und Autonomie. Und es völlig in Ordnung, wenn Kinder an der Seite von Eltern und Pädagogen die Erfahrung machen, dass sie nicht immer alles bekommen oder tun können, was ihnen in den Sinn kommt. Kinder müssen durchaus lernen, sich anzupassen.

Wenn jedoch junge Menschen die eigene Integrität aufgeben müssen, um von den wichtigen Erwachsenen angenommen zu werden, zahlen sie auf Dauer einen hohen Preis.

Das Eigene verantworten

Wer nicht ermutigt wurde, nach innen zu gehen, um sich mit sich selbst bekannt zu machen und das Eigene zu verantworten, leidet für gewöhnlich unter einem schwachen Selbstwertgefühl. Überangepasste Menschen bekommen oftmals dann ein gravierendes, existentielles Problem, wenn gewohnte Rahmenbedingungen und Regeln wegfallen oder in ihrer Wahrnehmung in Frage gestellt werden. Für normalisierte Menschen sind Normenabweichungen (und Menschen, die von gewohnten Normen abweichen) eine Bedrohung. Schließlich ist nicht ihr Selbstwertgefühl das Gerüst, das alles zusammenhält, sondern das Normale. Sie wohnen im Gewohnten.

Umweltbedingungen

Wir alle – und ich meine hier in erster Linie Lehrer und Eltern – müssen uns ernsthaft fragen, ob unsere Schulen (im Durchschnitt) Orte sind, an denen junge Menschen das Eigene entdecken und entfalten dürfen. Die Rückmeldungen, die wir heute von etlichen Schülern in Form von Verhaltensauffälligkeiten, Grenzüberschreitungen, Körpersymptomen oder auch Fehltagen bekommen, sprechen aus meiner Sicht Bände.

Geht eine Pflanze ein, wissen wir, dass es eher an den Umweltbedingungen liegt als an der Pflanze. Entwickelt ein junger Mensch Symptome, versuchen wir das Problem über den Symptomträger zu lösen. Das ist nicht gerade schlau.

Freiräume

Ich denke, wir sollten uns an unseren Schulen sehr klar dazu bekennen, dass unser zentrales Anliegen nicht darin bestehen darf, irgendein starres Wissen zu vermitteln und Menschen zu normalisieren. Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, junge Menschen stärkend, vertrauend, empathisch UND klar zu begleiten.

Nicht wenige Erwachsene haben regelrecht Angst davor, jungen Menschen Freiräume zu geben, da sie glauben, auf diese Weise die Büchse der Pandora zu öffnen. Der Punkt ist: Wer bereits als Kind gelernt hat, an der Seite von verantwortungsvollen Erwachsenen persönliche Verantwortung zu übernehmen, lebt eben NICHT ausschließlich lustbetont.

Verantwortungsübernahme

Verantwortungsübernahme kann – bezogen auf den Schulkontext – zum Beispiel bedeuten: „So eine Scheiße. Auf Satzglieder habe ich ja nun überhaupt keinen Bock. Aber okay, ist halt dran und das gehe ich jetzt an.“ Wenn Schüler im Schulalltag genügend Luft zum Atmen bekommen, halten sie es für gewöhnlich sehr gut aus, auch mal das zu tun, worauf sie keine Lust haben. Junge (und alte) Menschen brauchen die Erfahrung, als die gesehen zu werden, die sie sind. Dann können sie auch mal zurückstecken und Pflichten erfüllen.

In der Schulpraxis

Was heißt das in der Schulpraxis? Zum Beispiel kann ich als Lehrer zu meinen Schülern sagen, welche Freiräume sie haben und welche Themen sie bis zum nächsten Sommer bearbeitet haben sollen:

„Hört mal, ihr könnt auch in diesem Jahr an euren Themen arbeiten und ich bin gespannt darauf zu sehen, was euch interessiert und wie ihr eure Ziele angeht. Ihr müsst aber auch wissen, dass es einige Themen gibt, die ich euch vorgebe. Ihr findet diese auf der Lernlandkarte. Wann, wie und mit wem ihr diese Themen bearbeitet, überlasse ich euch. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr gerne zu mir kommen. Und wenn ich merke, dass ihr euch verzettelt, komme ich auf euch zu.“

Verantwortung übernehmen

Eigenverantwortung lernen junge Menschen nicht durch das starre Befolgen von Regeln oder das stringente Abarbeiten von Jahresplänen, sondern durch die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Und wenn es den Schülern schwerfällt, eigenverantwortlich zu handeln? Dann brauchen sie Lehrer, die in Beziehung gehen. Erwachsene, die unterstützen. Personen, die Respekt und Verantwortung vorleben, anstatt einen Mangel an Respekt und Verantwortung zu beklagen.

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Schule und Überanpassung – Wenn Lehrer am längeren Hebel sitzen

Mehr denn je müssen Schüler heute „richtig“ sein, um als Individuen wahrgenommen zu werden. Die unterschwellige und zutiefst widersprüchliche Botschaft etlicher Lehrer lautet: „Wenn du dich an meine Erwartungen anpasst, darfst du du selbst sein.“ Überanpassung ist für viele Schüler die einzige Möglichkeit, einen letzten Rest ihrer persönlichen Integrität zu wahren.

Existentielle Nöte

Wer auf der existentiellen Ebene nicht gesehen wird, gerät auf Dauer in existentielle Nöte und entwickelt Symptome. Auffällig gewordene Schüler sagen über ihr Verhalten: „Wir haben sehr lange mitgemacht und nun ist Schluss!“ Sie kooperieren nicht zu wenig, sie haben viel zu lange und viel zu intensiv kooperiert.

Manche Lehrer sagen: „Ja, aber an unseren Schülern wird doch ohnehin schon so viel gefördert. Was sollen wir denn sonst noch alles machen?“

Schüler zu fördern, zu belehren und zu definieren, ist nicht gleichbedeutend mit „Ich sehe dich…“.

Und auch modern anmutende und schön funkelnde pädagogische Methoden sind so weit weg von der Idee der Gleichwürdigkeit wie ich von einem möglichen Wimbledon-Sieg…

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Lob, Stempel, Gewitterwolkenstempel

Leuchtende Kinderaugen erhellten den Klassenraum, als der kleine Tom – seit wenigen Wochen in der zweiten Klasse – den heiß ersehnten Stempel im Mitteilungsheft erspähte. Frau Halle hatte ihn nach einigen Vorfällen in Aussicht gestellt: „Wenn du dich an die Regeln hältst und ich dich nicht ständig ermahnen und vor die Tür setzen muss, sollst du eine Belohnung erhalten. Schau! Das ist der Sonnenstempel, den letzte Woche auch schon Anja, Bernd und Jan für gutes Benehmen bekommen haben.“ Und nun war es soweit. Tom würde nach Hause rennen, seiner Mutter das Heft überreichen und endlich würde seine Mutter etwas Erfreuliches über ihren Sohn erfahren.

Über ihn, der ihr, seitdem er in der Schule war, nur Scherereien bereitet hatte. Damit war jetzt Schluss. Nun wusste er, wie es geht. Seine Mutter müsste sich keine Sorgen mehr machen. Die Zeit der Gewitterwolkenstempel gehörte der Vergangenheit an. Er würde dafür sorgen, dass seine Mutter und Frau Halle zufrieden mit ihm sein würden. So schwer war das ja auch überhaupt nicht.

Er müsste im Unterricht nur ruhig sitzen, ordentlich mitmachen und niemanden stören. Er würde keine „Auszeit“ mehr brauchen…

Entzückt von der eigenen Güte und Professionalität stieg Frau Halle am Ende des Tages in ihr Auto. „Das mit den Stempeln funktioniert“, dachte sie. Tom würde doch noch lernen, was sie von ihm erwartet.

Mitarbeiter der Woche – Versager der Woche

Unlängst erzählte mir die Mutter eines achtjährigen Jungen, dass die Lehrerin ihres Sohnes jede Woche folgende Marschroute ausgibt: „Wer bis zum Freitag acht Arbeitsbögen gelöst hat, darf einen Stern auf das Klassenplakat kleben. Alle die, die das schaffen, bekommen am Freitag vor der Klasse Applaus.“

In dieser Klasse wurden jede Woche die „Mitarbeiter der Woche“ gekürt und damit insgeheim auch „die Versager der Woche“. Besagter Junge strengte sich anfangs sehr an, um zu den Auserwählten zu gehören. Er scheiterte und stellte seine Bemühungen nach einiger Zeit komplett ein. Der Junge, der sich noch vor wenigen Monaten auf „seine“ Schule gefreut hatte, fing an, Schule, Lehrer und Mitschüler zu hassen. Die Pädagogen des Hauses vertraten die Meinung, dass mit dem Schüler irgendetwas nicht stimmen könne. Sie schlugen eine besondere Förderung vor.

Der Gedanke, dass das Verhalten des Schülers in Beziehung zu dem stehen könnte, was sich im Klassenraum zutrug, wurde gegenüber der Mutter offensichtlich nicht geäußert. Den kritischen Anmerkungen der Mutter begegneten die Pädagogen mit „Professionalität“.

Kinder und Jugendliche kooperieren immer

Unsere geläufige Schulpädagogik ist zumindest unterschwellig von der Idee durchsetzt, Kinder und Jugendliche kooperativ beziehungsweise sozial kompetent machen zu müssen, da sie sich sonst zu egozentrischen und gefährlichen Ich-Imperien entwickeln könnten. Das halte ich allein deswegen für einen Trugschluss, weil Kinder und Jugendliche von Geburt an kooperieren. Sie kooperieren immer.

Zur Gefahr für sich selbst und andere können junge Menschen dann werden, wenn sie destruktive Muster kopieren, zu lange überkooperieren und das Eigene unterdrücken müssen, um in den Augen derer „richtig“ zu sein, die aus Angst vor Unruhen grenzverletzende Grenzen setzen. Das durch Unterdrückung erlittene Leid vieler Schüler zeigt sich sehr oft in „Stellvertreter-Konflikten“ inner- und außerhalb unserer Schulen. Sich direkt mit integritätsverletzenden Machthabern zu duellieren, würde möglicherweise bedeuten, den letzten Rest an persönlicher Integrität zu riskieren.

Lehrer sitzen am längeren Hebel

Lehrer, die ihre Macht offen oder verdeckt missbrauchen, sitzen zunächst einmal am längeren Hebel. Die Wut unterdrückter junger Menschen entlädt sich zumeist entweder im Außen – und zwar in Kontexten, in denen Macht scheinbar zurückerobert werden kann (als Stichpunkte seien hier genannt: Mobbing, „Ballerspiele“, Pausenhof, Auseinandersetzung mit „zu weichen“ Lehrern, mit jüngeren Geschwistern, mit harmoniesüchtigen Eltern) – oder aber im Innen, was nicht weniger destruktiv ist, jedoch gewisse „Vorteile“ birgt:

Leise und unauffällige Symptomträger werden weitestgehend in Ruhe gelassen, denn leise und unauffällige Schüler passen wunderbar in das Konzept Schule.

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Depressionen

Depressionen – Wenn Menschen lernen, sich selbst zu unterdrücken

Immer mehr junge Menschen leiden unter Depressionen. Warum? Fehlt es ihnen an der „richtigen“ Einstellung. Mangelt es ihnen an „Regeln und Grenzen“? Sind sie zu wenig belastbar? Nein. Sie werden deprimiert (deprimere: u.a. niederdrücken), lernen am Vorbild, sich selbst zu deprimieren und entwickeln deprimierende Verhaltensweisen, um Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle zu betäuben.

Depressionen sind das Ergebnis einer Erziehung, die Menschen verpflichtet, „Nein“ zu sich selbst zu sagen. Wer sich selbst verneinen muss, um nicht verstoßen zu werden, verliert auf Dauer die Fähigkeit, mit einem guten Gewissen „Ich will…“, „Ich will nicht…“  oder „Lass das!“ zu sagen. Deprimierte Menschen sind kaum mehr in der Lage, auf das zuzugehen, was sie brauchen, von dem wegzukommen, was schadet und gegen das anzugehen, was ihre Integrität verletzt.

Mit anderen Worten: Depressionen sind das Ergebnis eines Aufwachsens, in dessen Verlauf Menschen von ihren Aggressionen getrennt wurden (adgredi: Hingehen, sich annähern, ansprechen, Geschäfte anpacken, Feinde angreifen..).

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Kinder sind kompetent, bis…

Niemand kommt mit Depressionen auf die Welt. Kinder sind von Geburt an kompetent darin, Bedürfnisse zu kommunizieren (Schreien), Sättigung anzuzeigen (Kopf wegdrehen) und die eigenen Grenzen mitzuteilen (Beißen). Wer in seiner Familie und später in der Schule zur Überanpassung und zum Stillhalten verpflichtet wird, lernt vielleicht, sich zu benehmen und Beachtungs-Vertragsbedingungen zu erfüllen. Die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl jedoch sind fatal.

Gäbe es einen Beipackzettel für eine Erziehung und Pädagogik, die darauf abzielt, Menschen ruhig zu stellen und normal zu machen, müsste auf diesem stehen:

„Es ist mit Nebenwirkungen zu rechnen, zum Beispiel mit Depressionen und fehlender Selbstliebe.“

Ein gesundes Selbstwertgefühl – Sich nüchtern anerkennen können

Sich möglichst nüchtern anerkennen zu können, macht ein gesundes Selbstwertgefühl aus: „Na ja gut, meine Nase ist ziemlich groß, diese Falte war gestern auch noch nicht da und zehn Kilogramm weniger wären auch nicht so schlecht. Aber was soll`s. So wie ich bin, bin ich okay.“

Wer sich nicht nüchtern annehmen kann, ist angewiesen auf Überlebensstrategien, um sich besser ertragen zu können. Manche Menschen konsumieren übermäßig viel Alkohol. Andere versuchen, sich über Leistungen zu spüren und aufzuwerten.

Schulen: Spiegelbilder und Erzeuger eines kollektiven instabilen Selbstwertgfühls

Ich denke, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft ein massives Problem auf der Ebene des Selbstwertgefühls haben und unsere Schulen sowohl Spiegelbilder als auch Miterzeuger eines kollektiven instabilen Selbstwertgefühls sind. Die meisten Kinder werden groß in Umgebungen, in denen Fach- und Anpassungsleistungen darüber entscheiden, ob sie dazugehören und „richtig“ sind.

Zwar führen viele Menschen nach Beendigung ihrer Schullaufbahn ein pflichtbewusstes und nach ökonomischen Maßstäben erfolgreiches Leben. Jedoch stehen sie – so zumindest lautet meine Überzeugung – nicht in Kontakt mit ihrem Wesen und ihrem wesensgemäßen Potential. Das Erbringen von Leistungen mitsamt der Hoffnung, für das Vollbrachte wertgeschätzt zu werden, wird zum Synonym für persönliche Weiterentwicklung und sinnvolles Leben.

In der Theorie mag es ein Leichtes sein, zu unterscheiden zwischen der Ebene des Selbstwertgefühls und der Ebene der Leistungen (Selbstvertrauen). In der Praxis jedoch – und das weiß jeder, der getrieben wird von der Idee, sich seinen Wert verdienen zu müssen – verkrümelt sich all unser Theoriedenken schnell wieder im Bücherschrank.

Mein Wert = Meine Leistungen

Ein Kind, das ständig verglichen, bewertet, motiviert, korrigiert wird, stellt irgendwann die Gleichung auf: Mein Wert = Meine Leistungen. In der Welt eines neunjährigen Kindes ist die Fachnote Fünf niemals eine reine Fachnote. Es bezieht die Note vollautomatisch auf sich. Als Mensch. Es denkt nicht: „Ich habe eine Fünf in Mathematik.“ Es denkt: „Ich bin eine Fünf!“

Man könnte nun meinen, dass Berichtszeugnisse eine Alternative zur traditionellen Benotung seien. Jedoch müssen wir wissen, dass Berichtszeugnisse im Grunde genommen auch Notenzeugnisse sind – nur eben anders. Außerdem sind sie nach meiner Erfahrung nicht selten ein Sammelbecken für Formulierungen, die mit den eigentlichen Fachleistungen (und mit dem Auftrag der Lehrer) nichts zu tun haben.

Sätze, wie zum Beispiel „Du bist zu faul!“, „Du strengst dich nicht genügend an!“ oder „Du bist immer abgelenkt!“ sind genauso „normal“ wie anmaßend, generalisierend, abwertend und unprofessionell. Denn abgesehen davon, dass kein Mensch auf diesem Planeten „IMMER abgelenkt“ ist, wüsste ich nicht, in welcher Ausbildungsphase und vor welchem theoretischen Hintergrund Lehrer befähigt wurden und werden, die Einschätzung „Du strengst dich nicht genügend an“ vornehmen zu dürfen.

Das große „JA“ – Was Eltern tun können

Menschen, die zur Überkooperation verpflichtet werden und sich schließlich zur Überkooperation verpflichtet fühlen, deprimieren sich irgendwann selbst. Unwillkürlich schaffen sie den häufigsten Grund für (spätere) Therapien: Unterdrückung der Lebenskraft (vgl. Lance Secreten: Inspirieren statt Motivieren).

Unser Dasein und unseren Wert können wir uns nicht verdienen. Wir sind nicht richtig und wir sind nicht falsch. Wir sind. Wir sind human beings und nicht human doings.

Was können Eltern tun, um das Selbstwertgefühl ihres Kindes zu stärken? Um diese Frage zu beantworten, kann man auf einer sehr theoretischen und sehr abstarkten Ebene nachdenken und (neue) Gedankengebäude errichten.

Ich möchte stattdessen ein Bild anbieten:

Wenn dein Kind am Morgen mit vierzehn Kuscheltieren im Arm in die Küche wankt, braucht es drei Dinge:

  1. Einen kalten Kakao
  2. Eltern, aus deren Augen die Botschaft funkelt: „Schön, dass du da bist.“
  3. Eltern, die mit sich selbst einverstanden sind.

Zusammenfassend kann man sagen: Kinder brauchen das große „JA“ ihrer Eltern. Wer in sich selbst das große „JA“ spürt, wird nicht anfällig werden für Depressionen…

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Um seinem Kind das großes „JA“ mitzugeben, üben wir uns in meiner Familienakademie darin, „JA“ zu uns selbst zu sagen. 

Willste mitmachen 🙂 ? Dann los!

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Aggressionen bei KIndern - Wenn Lebensenergie unterbunden wird

Aggressionen bei Kindern – Wenn Lebensenergie unterbunden wird…

Unsere Aggressionen versetzen uns in die Lage, uns zu bewegen: Auf das zu, was wir brauchen. Weg von dem, was schadet. Gegen das, was Integrität bedroht.

Wir alle brauchen unsere Aggressionen, um zu lernen, um uns zu wehren, um uns durchzusetzen, um uns weiterzuentwickeln, um „Nein“ zu sagen, um destruktive Beziehungen zu beenden, um zu kündigen, um uns zu bewerben, um eine Ausbildung anzugehen, um „Willst du mich heiraten?“ zu sagen, um Widerspruch einzulegen, um unseren inneren Schweinehund zu besiegen, um ein Buch zu schreiben, um Geschäfte abzuwickeln, um Herausforderungen anzugehen, um zu gewinnen, um sich zu konfrontieren, um seine Bedürfnisse zu stillen.

Kurz: Wir brauchen unsere Aggressionen zum Leben. (Siehe u.a. Veröffentlichungen von Wolf Büntig)

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Aggressionen = Feindseligkeit?

Geschockt? Ich könnte es verstehen, weil viele von uns folgenden Zusammenhang gelernt haben: Aggressionen = Feindseligkeit. Der Umkehrschluss: Wir wollen keine Gewalt und deswegen wollen wir keine Aggressionen. Mit dieser anti-aggressiven Haltung unterbinden wir Lebensenergie. Sowohl unsere als auch die unserer Kinder beziehungsweise unserer Schüler

Ich denke, wir müssen uns sehr kritisch mit der Frage auseinandersetzen, was wir jungen Menschen wie vorleben und warum. Gerade in Bezug auf das Thema „Aggressionen“. Meine Überzeugung ist, dass allein deswegen so viele Kinder und Jugendliche zur externalisierten oder internalisierten Gewalt neigen, WEIL sie in Familien oder / und pädagogischen Einrichtungen aufwachsen, in denen sie stillgelegt werden. Übrigens nicht selten unter Zuhilfenahme zutiefst aggressiver Regeln, Grenzen und Konsequenzen.

Wer in jungen Jahren seiner Aggression beraubt wird, ist zur Passivität und Depression verdammt.

Lebensenergie „Aggression“

Während meiner Zeit als Student lebte ich mit Menschen zusammen, denen es unmöglich schien, „einfache“ Tätigkeiten auszuüben, wie zum Beispiel zum Einkaufen zu gehen, den Müll zu entsorgen, einen Brief zum Postamt zu bringen. „Das kann doch nicht so schwer sein“, dachte ich. Heute denke ich:

Für manche Menschen ist es aufgrund übernommener Kindergelübde und eingefleischter Überlebensstrategien geradezu unmöglich, sich aufzuraffen und Pläne umzusetzen. Ich glaube nicht, dass Menschen „einfach so“ faul sind. Ich denke eher, dass viele Menschen in ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben, ihre Lebensenergie „Aggression“ auf den Standstreifen des Lebens abzustellen. Ihnen wurde die Fähigkeit des normalen, unauffälligen Nicht- beziehungsweise Liebseins antrainiert: „Du gehst in dein Zimmer und kommst erst raus, wenn du wieder brav bist!“

Und seitdem sitzen deprimierte Menschen antriebslos in Zimmern, vegetieren vor sich hin und machen sich dafür fertig, dass sie nicht die sind, die sie sein sollten. Wer von sich selbst entfremdet wurde, um den Bildern anderer zu entsprechen, verliert den Kontakt zu sich selbst.

Folgen einer anti-aggressiven Haltung

Manche ziehen sich zurück. Andere ziehen in den Krieg. Sie kämpfen an gegen Menschen, die sie an die eigene unterdrückte Lebendigkeit und an das eigene Opfersein erinnern.

Manchmal frage ich Eltern und Lehrer am Anfang einer Veranstaltung, was Kinder / Schüler in fünf, acht oder fünfzehn Jahren brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Niemand sagt: „Binomische Formeln“ oder „Rechtschreibstrategien“. All das, was geäußert wird, bezieht sich im weitesten Sinne auf die Fähigkeit, persönliche und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Sind Binomische Formeln und Rechtschreibstrategien deswegen unwichtig? Nicht zwangsläufig, nur beziehen sich Fachkompetenzen auf eine komplett andere Ebene.

Die Übernahme persönlicher und sozialer Verantwortung ist mit einer „anti-aggressiven“ Grundhaltung nicht möglich. Wenn uns die psychosoziale Gesundheit unserer Kinder / Schüler am Herzen liegt, müssen wir ihnen zugestehen, sich mit ihren Aggressionen bekannt zu machen.

Und das fängt meiner Ansicht nach an der Stelle an, an der wir jungen Menschen zugestehen, wütend, traurig, unzufrieden oder ängstlich zu sein. Sie brauchen von uns die Einladung, etwas anderes zu wollen als wir. Die Chance, sich an uns zu reiben. Viele Möglichkeiten, sich zu bewegen, sich auszuprobieren, „Nein“ sagen zu üben.

Aggressionsprobleme

Und ich möchte gerne betonen, dass der Umstand, dass sich Kinder im Sandkasten eben auch mal mit der Schaufel auf den Kopf hauen, nicht gleichbedeutend ist mit: „Der 3.Weltkrieg naht“.

Ich sage nicht, dass wir uns als Eltern oder Pädagogen dem Willen unserer Kinder / Schüler unterwerfen sollen und alles durchwinken müssen! Bloß nicht. Mir ist wichtig, dass WIR UNSERE Haltung zum Thema „Aggressionen“ überprüfen, anstatt auffällig gewordene Kinder / Jugendliche an den Pranger zu stellen oder in „Anti-Aggressions-Projekte“ zu stecken.

Ja, viele Kinder und Jugendliche haben heute Aggressionsprobleme. Jedoch nicht unbedingt in dem Sinne, wie Aggressionsprobleme heute oft definiert werden. Unzählige Kinder und Jugendliche (und Erwachsene) legen allein deswegen ein aggressives Verhalten an den Tag, weil ihre Aggressionen mit Hilfe aggressiver Regeln, Konsequenzen, Strafandrohungen und Gewissensbisse unterdrückt werden bzw. wurden.

Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme, fehlende Motivation

Das Potential, sich für etwas zu motivieren, etwas „in Angriff zu nehmen“, ist jedem Menschen eingegeben und wird am Vorbild entdeckt. Wenn dieses Potential im Bildungs- und Erziehungs-Ödland verkümmert, weil Regeln, Grenzen, Konsequenzen, Erziehungskonzepte und Lehrpläne Individualität und Lebendigkeit unterdrücken, sind Symptome wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme oder fehlende Motivation die Folge.

Wenn sich ein Kind (scheinbar) nicht motivieren kann, permanent stört oder Fluchttendenzen entwickelt, müssen wir davon ausgehen, dass der Zugang zum Eigenen und zu den natürlichen Aggressionen durch äußere Einflussnahme gestört ist. Der Versuch, junge Menschen von außen zu motivieren und in ihrem Sosein zu unterbinden, ist ein zutiefst aggressiver Akt und zwingt die Unterdrückten geradezu, ihre Restenergie darauf zu verwenden, sich zu verteidigen.

Und wer sich verteidigen muss, kann sich schon mal gar nicht auf irgendeinen Zahlenraum einlassen…


Nutze deine Aggressionen und werde Mitglied in der Familienakademie 🙂 Ich begleite Eltern, die neben vielen anderen Anliegen, ein Interesse haben, sich mit ihren Aggressionen auszusöhnen. Auch gehen wir der Frage nach, was wir tun können, wenn mit uns oder unsere Kindern mal wieder der Gaul durchgeht…

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Liebe Grüße, Andreas Reinke
INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Schule - Wenn Anpassung in Überanpassung mündet

Schule – Wenn Anpassung in Überanpassung mündet…

Wenn man sich vor Augen führt, auf was und auf wen sich junge Menschen an unseren Schulen jeden Tag einstellen (müssen), kommt einem die Idee der fehlenden Anpassung bisweilen vor wie ein schlechter Witz. Schüler von heute müssen so viel Energie in die Überlebensstrategie „Überanpassung“ stecken, dass ihnen oftmals nicht mehr genügend Energie bleibt, um sich auf „ihr“ eigentliches Lernen zu konzentrieren oder auf (aus unserer Sicht) „bedeutsame“ Freizeitaktivitäten einzulassen.

Nein, die hauen sich nach Schulschluss vor den Rechner und essen Chips.

Medienverhalten und Bedürfnisse

Selbstverständlich ist das Thema „Kinder / Jugendliche und die neuen Medien“ zu komplex ist, als dass es sinnvoll wäre, einen einzigen Gedanken zu bemühen, um es als geklärt abzutun. Ich will an dieser Stelle nur anbieten, dass wir das Medienverhalten unserer Kinder besser in einen Gesamtkontext stellen, als es reflexartig zu verteufeln. Das Leben etlicher Kinder ist heute zu einem Großteil geprägt von „Schlag das Mathebuch auf und lerne!“, „Du gehorchst deinen Lehrern!“ und „Wenn nicht, dann…!“.

Steckten wir in einem ähnlichen Alltag fest, träfen wir uns zum Feierabend ganz sicherlich auch nicht mit Freunden im Wald, um Pflanzen zu bestimmen oder Buden zu bauen. Nein, auch wir verbrächten unsere karge Freizeit wohl eher damit, diejenigen Bedürfnisse zu befriedigen, die in den acht Stunden vorher unterdrückt werden mussten: Ruhe, Integrität, Autonomie, Selbstwirksamkeit, Spielen, Erholung, Leichtigkeit, Distanz, Freiheit…

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Das Leben ist kein Ponyhof

„Ja, ja“, beginnen manche Erwachsene ihr Referat zum Thema „Das Leben ist kein Ponyhof“, „in meinem Arbeitsalltag muss ich mich auch anpassen.“ Das mag sein und das ist auch überhaupt kein Problem. Wir alle mussten und müssen lernen, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen, Wünsche und Werte im Spannungsfeld aus Integrität und Kooperation zu „parken“. Allerdings gibt es einen riesengroßen Unterschied zwischen „Bedürfnisse parken“ und Bedürfnisunterdrückung.

Ich sehe ein grundsätzliches Problem darin, dass sich Kinder und Jugendliche in der Schule auf Kosten des Eigenen ständig überanpassen müssen. Das alleine sollte uns schon mehr als nachdenklich stimmen. Hinzu kommt, dass sich permanent den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass es ihnen an Kooperationsbereitschaft und Einstellung mangelt. Für nicht wenige Schüler ist genau DAS der Tropfen, der das Fass irgendwann zum überlaufen bringt.

Würden wir auf unserer Arbeitsstelle das erleben, was Schüler in ihren Schulen ertragen müssen, würden wir auf Dauer wahnsinnig und aggressiv werden.

Dazu ein Gedanke von Arno Gruen:

„Das ist es, was Menschen zur Gewalttätigkeit treibt: Die fehlende Möglichkeit, eigene Bedürfnisse und Wahrnehmungen zum Kern der eigenen Identitätsentwicklung zu machen.“

Überanpassung und ihre Folgen

Auffällig gewordene Schüler sagen über ihr Verhalten: „Wir haben sehr lange mitgemacht und nun ist Schluss!“ Sie kooperieren nicht zu wenig, sie haben viel zu lange und viel zu intensiv kooperiert.

Wer als Lehrer der Auffassung ist, Kinder und Jugendliche über Maßnahmen, Sanktionen und Einträge ins Mutti-Heft gefügig machen zu müssen, hat nicht verstanden, dass entsprechende „Problemlösungen“ das bereits vorhandene Elend der jungen Menschen eher noch verstärkt. Besorgniserregend ist für mich an der Stelle die zunehmende Tendenz, Eltern zu instrumentalisieren: „Sprechen Sie mit Ihrem Kind und sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind den Unterricht nicht mehr stört!“

Wer als achtjähriges Kind mit einer Mutter zusammenlebt, die hilflos und mit Sorgenfalten versucht, die entsorgte Schulverantwortung zu übernehmen, steckt in einem existentiellen, zweigeteilten Dilemma: Es hat jetzt nicht mehr „nur“ Probleme mit und in der Schule. Nun fühlt es sich auch noch verantwortlich für die Sorgenfalten der Mutter. Und das ist wirklich furchtbar, denn Kinder sind in gewisser Weise anmaßend. Sie maßen sich an, sich verantwortlich zu fühlen für das Wohlbefinden ihrer Eltern. Sie versuchen unbewusst Situationen und Sorgenfalten zu glätten…

„Jetzt bin ich brav!“ – Ungesunde Anpassung in der Schule

Was macht also ein Kind, wenn es – von Gewissensbissen geplagt – von der besorgten Mutter zu hören bekommt, dass es sich benehmen muss? Es wird sich vornehmen, sich in der Schule zu benehmen. Und dann geschieht möglicherweise das Wunder:

Es klappt! Zwei, drei Tage lang (möglicherweise auch deutlich länger) wirkt es wie ausgewechselt. Es „macht mit“, kämmt sich die Haare, sagt „Guten Tag, Frau Lehrerin…“, ordnet sich unter, meldet sich, bespricht am Ende des Schultages, ob es sich an die Regeln gehalten hat, isst das Pausenbrot, packt den Ranzen, verkündet, dass Frau Messner die beste Lehrerin von der ganzen Welt ist und geht nach dem Sandmännchen ins Bett. Alles gut!

Alles gut?

Wenn junge Menschen in der Schule an Überanpassung zu ersticken drohen…

Nein, es ist nicht alles gut, weil sich insbesondere jene, die vor dem Hintergrund ihrer Professionalität wissen sollten, dass Symptome Botschaften sind und Machtmissbrauch keine Alternative ist zum Gefühl der Machtlosigkeit, keineswegs zufriedengeben sollten mit dem „guten Benehmen“ des Kindes.

Der Tag wird kommen, an dem das achtjährige Kind an den Strapazen der „Abmachungen“ bzw. Überkooperationsleistungen zu ersticken droht. Es wird wieder auffällig werden. Nicht jedoch, weil es nicht verstanden hat, wie man sich zu benehmen hat, sondern weil die Erwachsenen nicht verstanden haben, was es braucht.


In meiner Familienakademie unterstütze ich dich dabei, einen guten Umgang mit dem Thema „Schule“ zu finden. Du kannst all die Fragen, Unsicherheiten, Ängste und Wünsche aussprechen, die dich bewegen und mit mir und mit vielen anderen Eltern in den gleichwürdigen Dialog gehen. 

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Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

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Helikoptereltern – Wenn Eltern an den Pranger gestellt werden…

Bevor ich Vater wurde, war ich bereits seit zwei Jahren Lehrer. In dieser Zeit ging ich einer Beschäftigung nach, die für Junglehrer durchaus typisch ist: Ich übte mich darin, alles besser zu wissen, Eltern zu belächeln und sie als „Helikoptereltern“ zu betiteln. In meiner jugendlichen Arroganz dachte ich, dass es ja nun wirklich nicht so schwer sein kann, sein Kind „richtig“ zu erziehen. Hier ein paar Regeln und Grenzen, da einige Ansagen und Konsequenzen. Das Ganze garnieren mit einer guten Portion Fürsorge und dann läuft der Laden. Ich hielt mich für das Maß aller Dinge und wusste selbstverständlich sehr genau, was eine „gesunde Portion Fürsorge“ ist und ab wann Fürsorge zur Überfürsorge wird.

Überfürsorgliche Eltern

Mit Unverständnis, einigen angelesenen Argumenten und etlichen normopathischen Sprachgewohnheiten reagierte ich auf „überfürsorgliche Eltern“, deren wichtigste Aufgabe meiner Meinung nach darin bestand „einfach mal loszulassen“ und „uns Lehrern zu vertrauen“. Aus heutiger Sicht ist es mir geradezu peinlich: Vor mir saßen Erwachsene mit zum Teil deutlich mehr Lebenserfahrung und ich ärgerte mich darüber, dass Sie mir, dem allwissenden Lehrer, mit Skepsis begegneten. „Eindeutig beratungsresistente Eltern!“, resümierte ich nach so manchem Elterngespräch. Oder: „Die Eltern von Jasmin wollen DER Realität einfach nicht ins Auge schauen!“

Was bitte wusste ich nach einem Leben voller Schule bitte über eine wie auch immer geartete Realität?

Ich bediente mich scheinprofessioneller Floskeln und war voll infiziert mit dem Glaubenssatz, dass ich allein vor dem Hintergrund meiner Rolle als Lehrer immer im Recht sei. Heute weiß ich, dass eines der größten Probleme an unseren Schulen darin besteht, dass noch immer unzählige Lehrer meinen, sie müssten als sogenannte rollenbedingte Autoritäten für „Ruhe und Ordnung“ sorgen. („Du hast mir zu gehorchen, weil ich Lehrer bin!“) Dieser Führungsstil funktionierte möglicherweise vor vierzig Jahren, nicht jedoch im Jahre 2019.

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Wer sich heute als Lehrer vor Schülern oder Eltern aufbaut und meint, aus seiner Lehrerrolle heraus Eindruck machen zu können, muss entweder unfassbar viel Druck aufbauen, um für „RUUUHE!“ zu sorgen oder unter Schmerzen lernen, dass es an der Zeit ist, den Schritt von der rollenbedingten zur persönlichen Autorität zu wagen.

Ich Lehrer. Du Jane

Wenn ich an den Lehrer denke, der ich einst war, kommt in mir der Wunsch auf, mich bei alle den Eltern zu entschuldigen, denen ich mein einfältiges Lehrer-Käseglocken-Weltbild überstülpen wollte. Nur: Woher hätte ich wissen sollen, dass Beziehungskompetenz etwas Anderes ist als „Hinsetzen und zuhören! Ich Lehrer. Du Jane!“?

In unserer Ausbildung hatten wir nichts gelernt, um die Verantwortung für das eigenen Denken und für die Qualität der Beziehung zu übernehmen. Wir wurden zu Wissensvermittlern ausgebildet.

Dann, nachdem ich zwei Jahre lang von Eltern erwartet hatte, meinen Erziehungsidealen zu entsprechen, kam meine Tochter Emma zur Welt. Vom ersten Tag an hatte sie eine etwas andere Idee vom Leben auf diesem Planeten. Meine modellhaften und statischen Seifenblasen-Ideen vom einfachen Elternsein zerplatzten innerhalb von Tagen und ich fing an zu rotieren und nachzudenken.

Zum Glück hatten wir als Eltern immer ausreichend Humor, um uns selbst auf die Schippe zu nehmen. Das entspannt! Unter lautem Gelächter bezeichneten wir uns wahlweise als „Lari-Fari-Eltern“ (Die Mutter meiner Tochter war Lari und ich war Fari…) oder auch als Helikoptereltern.

Eltern im Spannungsfeld

Meine Erfahrungen als Vater haben mir geholfen, meine Einstellung gegenüber Eltern komplett zu erneuern. Ich habe den allergrößten Respekt vor all den Eltern, die den Mut haben, sich im Spannungsfeld aus elterlicher Integrität („Hier sind wir. Mit all unseren Werten, Unsicherheiten, Ängsten, Wünschen, Träumen, Grenzen, Bedürfnissen, Kindheitserfahrungen und mit all unserer Liebe“) und Kooperation im Außen (Krippe, Kindergarten, Schule, Erziehungsexperten, Lehrer, Bücher, Ratgeber, Medien, Großeltern, Freunde, WhatsApp-Gruppen…) zurechtzufinden und zu positionieren.

Ähnlich wie Kinder und Jugendliche leben Eltern heute in einer Welt, in der zumindest zwischen den Zeilen folgender Imperativ die Menschen auf Dauer verrückt macht:

„Seid so, wie ihr seid und haltet euch an die Norm!“ Das nennt man ein kognitives Dilemma.

Umgang mit Helikoptereltern

Und wie gehe ich mit den sogenannten „Helikoptereltern“ um?

Schritt 1: Ich emanzipiere mich von der Bezeichnung „Helikoptereltern“ und gehe stattdessen in den gleichwürdigen Dialog.

Mag sein, dass heute viele Eltern aus Liebe zu ihren Kindern, in dem Wunsch, gute Eltern zu sein und aus Angst vor Horrorszenarien das Rotieren beginnen. Mag sein, dass es heute vermehrt Kinder gibt, die an der Seite von Eltern aufwachsen, die in Reaktion auf die eigene Kindheit die eigenen persönlichen Grenzen aufgeben. Mag sein, dass manche Eltern nicht genau wissen, was der Unterschied ist zwischen Lust und Bedürfnis.

Aber wer bitte sind wir, dass wir als Lehrer meinen, darüber befinden zu dürfen, was „richtig“ (fürsorglich) oder „falsch“ (überfürsorglich) ist. Haben wir Kurse zu der Frage belegt, ab wann Eltern in die Kategorie „Helikoptereltern“ gehören? Sind wir aufgrund eines besonderen Fach- bzw. Geheimwissens dazu autorisiert, über Eltern zu richten beziehungsweise Eltern zu instruieren? Und mal ehrlich: Was wissen wir über Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie, Neurobiologie?

„Also ehrlich. Ich muss doch keine besonderen Kurse besuchen oder Fachbücher lesen, um zu wissen, was richtig und falsch ist. Das SIND Helikoptereltern. Das sehe ich doch. Da reicht mir mein gesunder Menschenverstand!“

Vorsicht! Es gab Zeiten, da sich Menschen ihres gesunden Menschenverstandes bedienten und sehr schlimme Dinge taten.

Scheinprofessionelle Formulierungen

Ich selbst lehne die Bezeichnung „Helikoptereltern“ mittlerweile komplett ab. Nach meiner Erfahrung geht der Gebrauch der Formulierung „Helikoptereltern“ für gewöhnlich einher mit Besserwisserei, Respektlosigkeit und Anklage. Und ich muss es so klar sagen: Im Umfeld Schule ist es geradezu salonfähig geworden, mit scheinprofessionellen Formulierungen wie zum Beispiel „Helikoptereltern“ für „Klarheit“ zu sorgen:

„Das sind Helikoptereltern. Da kann man nichts machen.“ (Was sind „Helikoptereltern“?)
„Ihr Kind hat ein Wahrnehmungsproblem!“ (Was ist ein „Wahrnehmungsproblem“?)
„Als Schulleiter muss ich für den Schulfrieden sorgen!“ (Was ist „Schulfrieden“?)
„Jan ist ein Klassenclown.“ (Ein WAS?)
„Schüler X hat einen Förderbedarf im Bereich geistige Entwicklung.“ (Kann mir bitte jemand erklären, was der „Geist“ ist?)

Okay, aber was mache ich denn als Lehrer, wenn ich den Eindruck habe, dass die Eltern von Katja auf eine erdrückende Weise fürsorglich sind?

Ich löse mich von dem Gedanken, dass ich irgendeine objektive Wahrheit kenne und lade die Eltern ein zum gleichwürdigen Dialog. Und wenn es mir gelingt, einen guten Kontakt zu etablieren, werden Eltern nach meiner Erfahrung IMMER offen werden für neue Gedanken, Fragen und Hinweise. NICHT offen werden sie, wenn ich mit der Idee der „Helikoptereltern“ auf sie einrede und ich selbst nicht offen bin.

Ein Gedanke zum Abschluss:
Was ist das eigentlich für eine merkwürdige Logik, dass wir Lehrer immer dann, wenn es gut in unser Konzept passt, darauf bauen, dass Eltern durch die Gegend „helikoptern“?

Eltern sollen einerseits ihre Grundschulkinder am Eingang zur Schule abgeben (weil die ja schon groß sind) und andererseits dafür Sorge tragen, dass die Hausaufgaben vollständig und fristgerecht abgegeben werden.
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In der Familienakademie sind alle Eltern eingeladen, die viel Freude daran haben, miteinander die Helikopter-Perspektive einzunehmen, um sich und seine Familie mal „von oben“ anzuschauen 😊

Hier geht es lang…

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN