Regeln und Grenzen – Konsequenzen einer entwürdigenden Erziehung7 Minuten Lesezeit

Noch immer erstarre ich, wenn ich auf Eltern und Pädagogen treffe, die mit trotzigem Blick verkünden, dass Kinder ganz viele Regeln und Grenzen bräuchten. Gerade in der Trotzphase würden sie auf Nasen tanzen, so sie nicht Konsequenzen für Regelverstöße und Grenzüberschreitungen erführen. Mir wird angesichts solcher Ansprachen kalt und das gehorsame Kind in mir winselt: „Jawoll! Tut mir leid. Ich bekenne mich schuldig.“

Existentielle Konflikte

Kinder, die an der Seite von Eltern aufwachsen, die meinen, dass die Qualität des Elternseins über die Anzahl der Regeln und Grenzen zu bemessen sei, geraten auf Dauer in einen existentiellen Konflikt.

Existentielle Konflikte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Schaden anrichten auf der Ebene des Selbstwertgefühls. Die Wahrnehmung des jungen Menschen, nur unter bestimmten Bedingungen geliebt zu werden, wird zu einem das Selbstbild bestimmenden Motiv mit Langzeitwirkung. Wer erlebt hat, dass die ersten Liebesbeziehungen geprägt waren von Bedrohungen, Grenzüberschreitungen und Bedingungen, wird sehr wahrscheinlich als Erwachsener von einem Liebeskonzept durchdrungen sein, dessen Antriebselemente Angst, Schuld, schlechtes Gewissen und „Vertragsbedingungen“ lauten.

Regeln-und-Grenzen-Beziehungen

Regeln-und-Grenzen-Beziehungen lassen das allen Menschen eingegebene Potential verkümmern, sich bzw. einen anderen Menschen wahrhaftig zu lieben und zu vertrauen. Nicht wenige Menschen kehren erst zurück zu den wesensgemäßen Liebeswurzeln, nachdem sie die schmerzvolle Erfahrung gemacht haben, dass sie mit dem Anerzogenen weder sich selbst noch einen anderen Menschen bedingungslos lieben können. Eine Folge: Ausgebuchte Psychotherapeuten.

Integrität und Kooperation

Kinder haben – wie alle Menschen – das Bedürfnis nach Integrität UND Kooperation. Das bedeutet: Sie haben das Bedürfnis nach Unversehrtheit, Autonomie und Selbstwirksamkeit UND sie haben das Bedürfnis nach Beachtung, Wertschätzung, Zuneigung und Zugehörigkeit. In dieser UND-Wechselwirkung sind Konflikte vorprogrammiert und von den Eltern anzunehmen. Nicht als notwendiges Übel, sondern als ein Geschenk des „echten Lebens“.

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Ein Gespür für sich und für andere Menschen entwickeln Kinder eben nicht dadurch, dass es in ihrer Familie immer harmonisch zugeht. Sie müssen unbedingt die Erfahrung machen, dass sie nicht immer das bekommen können, was sie haben wollen. Sie brauchen Eltern, die die eigenen, persönlichen Grenzen anzeigen, „Nein“ sagen und es aushalten, wenn ihre Kinder unzufrieden sind und verkünden, dass Mama die „scheißeste Mama von der Welt“ ist.

Gesunde Beziehungen – gesunde Konflikte

In gesunden Eltern-Kind-Beziehungen (und in allen späteren gesunden Liebesbeziehungen) kommt es zu Konflikten. Zu GESUNDEN Konflikten. Das ist der springende Punkt, das hüpfende Komma, das galoppierende I-Tüpfelchen. Gesunde Konflikte sind nicht deswegen gesund, weil sie immer intellektuell ausgetragen und einem Konsens zugeführt werden. Ein gesunder Konflikt ist lebendig und kann ungefähr so aussehen:

Kind: „Ich will das Einhorn.“ Mutter (freundlich, nicht „schnippisch): „Du bekommst es nicht. Ich will es dir nicht kaufen.“ Kind: „Warum nicht?“ Mutter: „Keine Ahnung. Du bekommst es nicht“ (Als Eltern muss man nicht JEDE Entscheidung erklären,) Kind: „Ich will es aber trotzdem haben!“ (Ein Zeichen für mentale Gesundheit: Das Kind kämpft!) Mutter: „Das ist okay. Aber du bekommst es nicht.“ (Als Eltern muss man sich nicht immer beliebt machen.) Kind: „Aaaaaaah!“ (Kinder haben ein Recht auf Frusterlebnisse und darauf, wütend zu sein.)

Und wenn Kinder in der Folge traurig sind, sich zurückziehen und weinen? Dann lässt man sie am besten zunächst einmal traurig sein und weinen. Das Weinen ist eine wunderbare Möglichkeit, um wieder ins innere Gleichgewicht zu kommen…

Ein gesunder Konflikt ist momentan bitter. Ein ungesunder Konflikt ist langfristig gefährlich.

Eine existentielle Entscheidung

Entwickelt sich das Spannungsfeld aus Integrität und Kooperation zu einem Schlachtfeld, weil Eltern mit Hilfe von Regeln, Grenzen und Konsequenzen drohen, strafen, entwürdigen, müssen Kinder irgendwann eine unbewusste, existentielle Entscheidung treffen:

„Entweder ich unterwerfe und verleugne mich, damit mein Bedürfnis nach Angenommensein irgendwie gestillt wird oder aber ich stehe für mich und meine Integrität auf Kosten des Angenommenseins ein.“

Trotzkinder

Kinder, die zur Ersatzbefriedigung des Bedürfnisses nach Kooperation das Eigene unterdrücken, werden in unserer Welt für gewöhnlich belohnt. Sie sind „richtig“, was sich niederschlägt in Elterngesichtern und Schulzeugnissen. Hingegen bekommen jene Kinder, die dem Ruf der persönlichen Integrität folgen, den Stempel „Trotzkind“ oder „tyrannisches Kind“ aufgedrückt.
Brauchen Kinder Regeln und Grenzen?

Brauchen Kinder Regeln und Grenzen?

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst einmal unterscheiden zwischen den generellen Grenzen (Regeln) und den persönlichen Grenzen.
Generelle Grenzen haben zu tun mit Abläufen, allgemeingültigen Absprachen oder auch Gesetzen. Sie geben Orientierung, schaffen Sicherheit, haben schützenden Charakter.
Brauchen wir entsprechende Regeln? Ja, klar. Kinder müssen durchaus lernen, mit entsprechenden generellen Grenzen verantwortungsvoll umzugehen. Wer nun jedoch diesen Gedanken missbraucht, um das willkürliche Setzen von (zum Teil komplett bescheuerten) Grenzen zu rechtfertigen, macht es sich zu einfach und ignoriert offensichtlich komplett, dass Kinder und Erwachsene Grenzen haben. PERSÖNLICHE Grenzen.

Persönliche Grenzen

Persönliche Grenzen sind individuell, dynamisch und ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Integrität.
Wer ein Gespür dafür bekommen möchte, wie wir in unserer Welt mit persönlichen Grenzen umgehen, möge einen Blick in Richtung Schule werfen. Unsere Schulen sind im Durchschnitt Orte, an denen die persönlichen Grenzen der Schüler UND der Lehrer mit Füßen getreten werden.

Der ungesunde Konflikt

Von einem ungesunden Konflikt können wir ausgehen, wenn persönliche Grenzen im Namen von generellen Grenzen übergangen werden. Noch einmal: Auch Kinder müssen sich bisweilen anpassen und die Erfahrung machen, dass ihr Leben nicht immer federleicht ist. Resilienz, Empathie und Verantwortungsbewusstsein erlernen Kinder und Jugendliche NICHT dadurch, dass sie behandelt werden wie Könige. Wer in jungen Jahren ständig im Zentrum steht und alles bekommt, lernt:

„Okay, ich bin das Zentrum der Welt und alles dreht sich um mich.“

Wenn Kinder allerdings in einer Umgebung aufwachsen, in der sie ständig entwürdigt, eingenordet, begrenzt werden, leiden sie unter einem existentiellen Konflikt, der sich äußern kann auf der Verhaltens- oder Körperebene.

Zutaten für einen ungesunden Konflikt

Zutaten für einen ungesunden, existentiell gefährlichen Konflikt können sein:

Körperliche und psychische Gewalt („Seelenprügel“ – Verletzungen liegen oft in der Sprache!)

Bestrafungen / „Konsequenzen“ (Kehrseite: manipulatives Loben oder auch Punktesysteme)

Schelte, Schimpfen („Das Problem mit dir ist…!“), Entwertung, Abwertung, Vergleich, Erniedrigung, Bloßstellung, Entwürdigung…

Zuführen von Schuld und Scham (z.B. „Du machst mich traurig!“)

Chronische Über- und Unterforderung

Überkooperation, Anpassung an feste Bilder

Missbrauch der Definitionsmacht („Du bildest dir deine Angst nur ein!“)

Verneinen von persönlichen Bedürfnissen, Gefühlen, Grenzen

Chaos oder Stringenz

Machtmissbrauch (… ist keine Alternative zum Gefühl der Machtlosigkeit!)

Liebevolle Führung – gleichwürdige Beziehungen

Was ist eine mögliche Alternative zur herkömmlichen Regeln-und-Grenzen-Erziehung?

Eine liebevolle Führung, die auf Gleichwürdigkeit setzt (Gleichwürdigkeit ist NICHT Gleichberechtigung) und Kindern folgende Erfahrung ermöglicht:

„Ich fühle mich von meinen Eltern geliebt und gewollt. Einfach so. Ich muss mich nicht anstrengen, um geliebt zu werden. Ich bekomme nicht immer das, was ich will und das fühlt sich echt blöd an. Dann werde ich wütend, aber das gehört wohl dazu. Ich darf wütend sein und ich muss lernen, mit meiner Wut so umzugehen, dass ich Niemandem Schaden zufüge. Meine Eltern zeigen mir, wie das gehen kann. Ich fühle mich respektiert. Meine Eltern nehmen mich und meine Grenzen, Bedürfnisse und Gefühle ernst. Und der Oberhammer ist: Sie nehmen auch die eigenen Grenzen, Bedürfnisse und Gefühle ernst. Dadurch entstehen Konflikte, aber was soll`s: Liebe heißt ja nicht, dass wir uns immer toll finden müssen.“

In meiner Familienakademie üben wir uns darin, mit unseren Kindern gleichwürdig in Beziehung zu kommen. Ab dem 20.01. startet mein siebenwöchiger Online-Kurs u.a. zu den Themen, die ich in dem Text bearbeitet habe, den du gerade gelesen hast. Du bist ganz herzlich eingeladen, Mitglied der Familienakademie zu werden und zum Beispiel am Kurs teilzunehmen.

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

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