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Aggressionen bei KIndern - Wenn Lebensenergie unterbunden wird

Aggressionen bei Kindern – Wenn Lebensenergie unterbunden wird…

Unsere Aggressionen versetzen uns in die Lage, uns zu bewegen: Auf das zu, was wir brauchen. Weg von dem, was schadet. Gegen das, was Integrität bedroht.

Wir alle brauchen unsere Aggressionen, um zu lernen, um uns zu wehren, um uns durchzusetzen, um uns weiterzuentwickeln, um „Nein“ zu sagen, um destruktive Beziehungen zu beenden, um zu kündigen, um uns zu bewerben, um eine Ausbildung anzugehen, um „Willst du mich heiraten?“ zu sagen, um Widerspruch einzulegen, um unseren inneren Schweinehund zu besiegen, um ein Buch zu schreiben, um Geschäfte abzuwickeln, um Herausforderungen anzugehen, um zu gewinnen, um sich zu konfrontieren, um seine Bedürfnisse zu stillen.

Kurz: Wir brauchen unsere Aggressionen zum Leben. (Siehe u.a. Veröffentlichungen von Wolf Büntig)

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Aggressionen = Feindseligkeit?

Geschockt? Ich könnte es verstehen, weil viele von uns folgenden Zusammenhang gelernt haben: Aggressionen = Feindseligkeit. Der Umkehrschluss: Wir wollen keine Gewalt und deswegen wollen wir keine Aggressionen. Mit dieser anti-aggressiven Haltung unterbinden wir Lebensenergie. Sowohl unsere als auch die unserer Kinder beziehungsweise unserer Schüler

Ich denke, wir müssen uns sehr kritisch mit der Frage auseinandersetzen, was wir jungen Menschen wie vorleben und warum. Gerade in Bezug auf das Thema „Aggressionen“. Meine Überzeugung ist, dass allein deswegen so viele Kinder und Jugendliche zur externalisierten oder internalisierten Gewalt neigen, WEIL sie in Familien oder / und pädagogischen Einrichtungen aufwachsen, in denen sie stillgelegt werden. Übrigens nicht selten unter Zuhilfenahme zutiefst aggressiver Regeln, Grenzen und Konsequenzen.

Wer in jungen Jahren seiner Aggression beraubt wird, ist zur Passivität und Depression verdammt.

Lebensenergie “Aggression”

Während meiner Zeit als Student lebte ich mit Menschen zusammen, denen es unmöglich schien, “einfache” Tätigkeiten auszuüben, wie zum Beispiel zum Einkaufen zu gehen, den Müll zu entsorgen, einen Brief zum Postamt zu bringen. “Das kann doch nicht so schwer sein”, dachte ich. Heute denke ich:

Für manche Menschen ist es aufgrund übernommener Kindergelübde und eingefleischter Überlebensstrategien geradezu unmöglich, sich aufzuraffen und Pläne umzusetzen. Ich glaube nicht, dass Menschen “einfach so” faul sind. Ich denke eher, dass viele Menschen in ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben, ihre Lebensenergie „Aggression“ auf den Standstreifen des Lebens abzustellen. Ihnen wurde die Fähigkeit des normalen, unauffälligen Nicht- beziehungsweise Liebseins antrainiert: „Du gehst in dein Zimmer und kommst erst raus, wenn du wieder brav bist!“

Und seitdem sitzen deprimierte Menschen antriebslos in Zimmern, vegetieren vor sich hin und machen sich dafür fertig, dass sie nicht die sind, die sie sein sollten. Wer von sich selbst entfremdet wurde, um den Bildern anderer zu entsprechen, verliert den Kontakt zu sich selbst.

Folgen einer anti-aggressiven Haltung

Manche ziehen sich zurück. Andere ziehen in den Krieg. Sie kämpfen an gegen Menschen, die sie an die eigene unterdrückte Lebendigkeit und an das eigene Opfersein erinnern.

Manchmal frage ich Eltern und Lehrer am Anfang einer Veranstaltung, was Kinder / Schüler in fünf, acht oder fünfzehn Jahren brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Niemand sagt: “Binomische Formeln” oder “Rechtschreibstrategien”. All das, was geäußert wird, bezieht sich im weitesten Sinne auf die Fähigkeit, persönliche und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Sind Binomische Formeln und Rechtschreibstrategien deswegen unwichtig? Nicht zwangsläufig, nur beziehen sich Fachkompetenzen auf eine komplett andere Ebene.

Die Übernahme persönlicher und sozialer Verantwortung ist mit einer “anti-aggressiven” Grundhaltung nicht möglich. Wenn uns die psychosoziale Gesundheit unserer Kinder / Schüler am Herzen liegt, müssen wir ihnen zugestehen, sich mit ihren Aggressionen bekannt zu machen.

Und das fängt meiner Ansicht nach an der Stelle an, an der wir jungen Menschen zugestehen, wütend, traurig, unzufrieden oder ängstlich zu sein. Sie brauchen von uns die Einladung, etwas anderes zu wollen als wir. Die Chance, sich an uns zu reiben. Viele Möglichkeiten, sich zu bewegen, sich auszuprobieren, “Nein” sagen zu üben.

Aggressionsprobleme

Und ich möchte gerne betonen, dass der Umstand, dass sich Kinder im Sandkasten eben auch mal mit der Schaufel auf den Kopf hauen, nicht gleichbedeutend ist mit: “Der 3.Weltkrieg naht”.

Ich sage nicht, dass wir uns als Eltern oder Pädagogen dem Willen unserer Kinder / Schüler unterwerfen sollen und alles durchwinken müssen! Bloß nicht. Mir ist wichtig, dass WIR UNSERE Haltung zum Thema “Aggressionen” überprüfen, anstatt auffällig gewordene Kinder / Jugendliche an den Pranger zu stellen oder in „Anti-Aggressions-Projekte“ zu stecken.

Ja, viele Kinder und Jugendliche haben heute Aggressionsprobleme. Jedoch nicht unbedingt in dem Sinne, wie Aggressionsprobleme heute oft definiert werden. Unzählige Kinder und Jugendliche (und Erwachsene) legen allein deswegen ein aggressives Verhalten an den Tag, weil ihre Aggressionen mit Hilfe aggressiver Regeln, Konsequenzen, Strafandrohungen und Gewissensbisse unterdrückt werden bzw. wurden.

Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme, fehlende Motivation

Das Potential, sich für etwas zu motivieren, etwas „in Angriff zu nehmen“, ist jedem Menschen eingegeben und wird am Vorbild entdeckt. Wenn dieses Potential im Bildungs- und Erziehungs-Ödland verkümmert, weil Regeln, Grenzen, Konsequenzen, Erziehungskonzepte und Lehrpläne Individualität und Lebendigkeit unterdrücken, sind Symptome wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme oder fehlende Motivation die Folge.

Wenn sich ein Kind (scheinbar) nicht motivieren kann, permanent stört oder Fluchttendenzen entwickelt, müssen wir davon ausgehen, dass der Zugang zum Eigenen und zu den natürlichen Aggressionen durch äußere Einflussnahme gestört ist. Der Versuch, junge Menschen von außen zu motivieren und in ihrem Sosein zu unterbinden, ist ein zutiefst aggressiver Akt und zwingt die Unterdrückten geradezu, ihre Restenergie darauf zu verwenden, sich zu verteidigen.

Und wer sich verteidigen muss, kann sich schon mal gar nicht auf irgendeinen Zahlenraum einlassen…


Nutze deine Aggressionen und werde Mitglied in der Familienakademie 🙂 Ich begleite Eltern, die neben vielen anderen Anliegen, ein Interesse haben, sich mit ihren Aggressionen auszusöhnen. Auch gehen wir der Frage nach, was wir tun können, wenn mit uns oder unsere Kindern mal wieder der Gaul durchgeht…

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Liebe Grüße, Andreas Reinke
INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

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Aggressiv, verhaltensauffällig, unbeschulbar – Patrick…

Patrick galt als aggressiv, verhaltensauffällig und unbeschulbar, als er in die fünfte Klasse unserer Schule kam. Seine letzte Chance, so hieß es. Er wirkte wie ein Pulverfass. Ein “falscher” Blick reichte, um ihn zum Explodieren zu bringen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf ihn zugehen sollte. Also ging ich auf ihn zu und sagte: “Patrick, ich hab` keine Ahnung, wie ich am besten auf dich zugehen kann. Hast du eine Idee?”

“Mir geht Schule komplett auf den Sack. Wer mir blöde kommt, kriegt was auf`s Maul! Lassen Sie mich einfach in Ruhe, wenn ich meine Ruhe haben will.” Da wusste ich, woran ich war. Ich entgegnete: “Du bekommst deine Ruhe. Wenn du merkst, dass du gestresst bist und alleine sein willst, gehst du aus dem Klassenraum. Ich vertraue darauf, dass du draußen keinen Mist baust. Wenn du reden willst, gib mir ein Zeichen. Und jetzt sage ich dir, was ich will. Ich will, dass du meine Schüler in Ruhe lässt. Deal?” – “Ja.”

Nach wenigen Wochen und einigen Faustkämpfen wirkte Patrick wie ausgewechselt. Er fing an, Gitarre zu spielen und eigene Texte zu vertonen. Er engagierte sich im Klassenrat, setzte sich für “schwächere” Schüler ein, übernahm Verantwortung in Krisenzeiten. Und er widersprach! Auch mir, dem Lehrer. Klasse Typ! Im letzten Sommer besuchte er mich mit seiner Freundin zu einem Sommerfest. Im Gepäck hatte er ein Fotoalbum aus der gemeinsamen Schulzeit und eine Menge Zukunftsvisionen. Tolle Geschichte, aber…

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Gerecht ist, wenn alle gleich behandelt werden?

Jede Geschichte ist individuell und ich weiß, dass Patricks Geschichte anders ist als all die anderen Geschichten, die sich jeden Tag an unseren Schulen zutragen. Es gibt andere Patricks (und Patrizias), die das beschriebene Vertrauensangebot dankend annehmen, den Klassenraum aggressiv verlassen, um alles kurz und klein zu schlagen. Jeder Lehrer arbeitet unter einzigartigen Bedingungen mit einzigartigen Schülern und Kollegen. Ich hatte damals, als ich auf Patrick traf, den großen Vorteil, mit einer Schulleiterin zusammenarbeiten zu dürfen, die meine Haltungen und Vorgehensweisen total unterstützte. An einer klassischen Schule hätte ich möglicherweise einen sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich “Lehrerverhalten” bekommen.

Aggressiven, verhaltensauffälligen Schülern Vertrauen entgegenbringen? Der ist wohl verrückt geworden… Nur: Was wäre die Alternative gewesen? Hätte ich Patrick nach der Devise abgefertigt “Gerecht ist, wenn alle gleich behandelt werden…”, wäre er komplett ausgerastet. Davon bin ich überzeugt.

Junge Menschen brauche keine letzte Chance – Junge Menschen brauchen Kontakt

Ich bin davon überzeugt, dass all die hochbegabten (also im Prinzip alle… ), all die besonders feinfühligen (also im Prinzip alle…) und all die “aus dem Rahmen Gefallenen” (also im Prinzip alle…) jungen Menschen zunächst mal keine “letzte Chance”, kein Ritalin, keinen Sonderstatus, keine Anti-Aggressions-Programme, keinen sonderpädagogischen Förderbedarf brauchen, um sich entsprechend ihrer Begabungen zu entfalten. Sie brauchen den gleichwürdigen, “echten” Kontakt zu integeren Erwachsenen. Zu Menschen, denen die persönliche Integrität der Einzelnen wichtiger ist als pädagogische Ziele.

Sehr viele Lehrer und Eltern entscheiden, Kindern / Jugendlichen im Alter im Alter von zehn bis achtzehn Jahren mit aller und letzter Kraft Grenzen zu setzen. Schließlich bräuchten junge Menschen eine harte Hand und ein konsequentes Durchgreifen. Da darf man sich schon fragen, wer hier eigentlich aggressiv unterwegs ist…

Aber gut, kann man so machen. Nur darf man sich nicht wundern, wenn sich die jungen Leute in der Folge innerlich und äußerlich distanzieren oder noch mehr auf die Barrikaden gehen. Druck erzeugt Gegendruck und bereits Kinder können eine beeindruckende Kraft aufbringen, um sich gegen die Macht der Erwachsenen zu stemmen.

Schluss mit den aggressiven Machtkämpfen!

Ich hoffe darauf, dass sich immer mehr Eltern gegen die alten Machtkämpfe entscheiden und stattdessen den gleichwürdigen und vertrauensvollen Kontakt suchen. Und das muss ganz sicher nicht heißen, zu allem “Ja!” zu sagen oder sich den mitunter elastischen Lebensentwürfen der Heranwachsenden gleichgültig gegenüber zu verhalten. Nein, Kinder und Jugendliche brauchen speziell in Entwicklungsphasen (“Trotzphase”, Pubertät) Eltern, die mit Interesse, Empathie und Erfahrungen am Wegesrand stehen und sagen: “Gib uns ein Zeichen, wenn du uns brauchst. Wir sind für dich da.”


Du hast auch ein Kind der Kategorie “Patrick” (oder “Patrizia”)? In meiner Familienakademie bekommst du garantiert nicht den Tipp, dass du deinem Patrick (oder deiner Patrizia) ganz viele Grenzen setzen musst! Hier triffst du auf Menschen, die Gleichwürdigkeit leben und vorleben wollen. Hier geht`s zur Familienakademie. Bis gleich?