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Regeln und Grenzen – Konsequenzen einer entwürdigenden Erziehung

Noch immer erstarre ich, wenn ich auf Eltern und Pädagogen treffe, die mit trotzigem Blick verkünden, dass Kinder ganz viele Regeln und Grenzen bräuchten. Gerade in der Trotzphase würden sie auf Nasen tanzen, so sie nicht Konsequenzen für Regelverstöße und Grenzüberschreitungen erführen. Mir wird angesichts solcher Ansprachen kalt und das gehorsame Kind in mir winselt: „Jawoll! Tut mir leid. Ich bekenne mich schuldig.“

Existentielle Konflikte

Kinder, die an der Seite von Eltern aufwachsen, die meinen, dass die Qualität des Elternseins über die Anzahl der Regeln und Grenzen zu bemessen sei, geraten auf Dauer in einen existentiellen Konflikt.

Existentielle Konflikte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Schaden anrichten auf der Ebene des Selbstwertgefühls. Die Wahrnehmung des jungen Menschen, nur unter bestimmten Bedingungen geliebt zu werden, wird zu einem das Selbstbild bestimmenden Motiv mit Langzeitwirkung. Wer erlebt hat, dass die ersten Liebesbeziehungen geprägt waren von Bedrohungen, Grenzüberschreitungen und Bedingungen, wird sehr wahrscheinlich als Erwachsener von einem Liebeskonzept durchdrungen sein, dessen Antriebselemente Angst, Schuld, schlechtes Gewissen und „Vertragsbedingungen“ lauten.

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Eltern unter Stress – Zufriedenheit durch Unzufriedenheit…

„Wie geht es dir?“, fragt eine Mutter die andere. „Muss ja“, antwortet die Gefragte gleichzeitig gestresst und einverstanden. Und während auf ihrer Stirn Sorgenfalten Platz nehmen, verkünden Mundwinkel Stolz. „Kenn ich“, entgegnet Mutter 1 mit leicht zornigem Blick, „aber zumindest hast du keinen Hund.“

Stress – Ein Qualitätsmerkmal?

Das neue Qualitätsmerkmal der Erwachsenen: Nur der, der am Ende des Tages mit hängender Zunge auf dem Sofa liegt und kurzatmig das Unerreichte beklagt, darf mit sich und der Welt im Reinen sein. Zufriedenheit durch Unzufriedenheit. Wem es noch gut geht, geht es wohl noch zu gut. Und wehe dem, der ein Kind zu Hause hat, das entspannt „in den Tag hineinlebt“. Da kann man schon mal aus der Haut fahren…

Ich denke, dass wir, die wir ständig über Stress und „tyrannische Kinder“ jammern, sehr ehrlich mit uns und unseren verinnerlichten und Selbst(ab)wert(ungs)-Konzepten umgehen müssen. Ja, wir leben heutzutage in Umgebungen und Strukturen, die nicht gerade zum federleichten (Familien-) Leben einladen. Und natürlich müssen wir nicht unbedingt „Hurra!“ rufen, wenn sich unsere Kinder verhalten wie die Maden im Speck. Vor allen Dingen dann nicht, wenn sie die Maden sind und wir der Speck.

Verantwortung statt Ohnmacht

Nur, was wollen wir machen? Wollen wir uns schon wieder beschweren? Und wenn ja, bei wem denn überhaupt? Bei unseren Kindern? Bei „denen da oben“? Beim lieben Gott? Es gibt nur eine Alternative zur Ohnmacht und diese lautet: Verantwortung.

In Bezug auf das Thema „Stress“ dürfen wir uns also fragen – und zwar wertschätzend: „Was ist unser Anteil?“

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Zunächst einmal müssen wir wissen, dass lediglich ein Zusammenwirken aus äußeren UND inneren Stressoren dazu führen kann, dass Menschen gegen die Stress-Wand fahren und schließlich im Burnout zum Erliegen kommen. Ich wiederhole. Die Arbeitskontexte sind heute für viele Menschen das, was vor Urzeiten der Säbelzahntiger war: Übermächtig, beängstigend, gefräßig. Und ich weiß aus eigener Erfahrung als Lehrer, dass es unsagbar herausfordernd sein kann, in einem Arbeitsumfeld „bei sich“ zu bleiben bzw. sich nicht verrückt machen zu lassen, das auf Selbstaufgabe setzt und Menschen zu Objekten macht.

Ich bin nicht allmächtig und ich bin nicht ohnmächtig

Dennoch oder gerade deswegen: Wir tragen die Verantwortung! Für die Art, wie wir mit den Umständen umgehen. Für das, was in uns ist. Für das, was wir unseren Kindern vorleben. Für das, was zwischen uns und unseren Kindern passiert. Und eine gesunde Verantwortungsübernahme kann nur dort gedeihen, wo klar ist: Ich bin nicht allmächtig und ich bin nicht ohnmächtig.

Viele Eltern – insbesondere Mütter – werden unwillkürlich (!) angetrieben von eingefleischten und impliziten Kindergelübden. Sie geben sich in ihrem Elternsein geradezu auf, um sich wertvoll zu fühlen. Gelernt haben sie, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Liebe – so schreiben es die inneren Antreiber vor – ist eine Form der Dienstleistung und „Ich will…“ ist im Urlaub. Und bitte: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Übersät mit Gewissensbissen dienen sie ihrem Konzept der Fleißbienchen. Genugtuung? Nein, denn: „Du hast nicht und nie genug getan!“

Den Akku aufladen

Eine verzweifelte Mutter kommt in meine Elternberatung und will wissen, was sie mit ihrem Sohn machen kann, der sehr fordernd ist und kein Gespür zu haben scheint für ihre persönlichen Grenzen. Wir reden eine Weile und nach einer Gesprächspause frage ich sie, ob sie sich auch mal Auszeiten nimmt. „Natürlich“, entgegnet sie geradezu empört. Ich möchte gerne erfahren, wie und wann sie ihren Akku wieder auflädt. Sie: „Samstags ist meine Zeit. Immer vormittags werde ich von meinem Kind in Ruhe gelassen.“ Auf die Frage, was sie denn am Samstagvormittag mache, dass sie sich eine Auszeit nehmen könne, sagt sie: „Putzen!“

Im weiteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass die Mutter nicht deswegen putzt, weil Putzen zu ihren liebsten Freizeitaktivitäten gehört. Putzen hat in dieser Familie schlicht und ergreifend eine unumstößliche Autorität. Das heißt: Putzen ist wichtig. Sehr wichtig. So richtig, richtig wichtig. Beim Putzen stört man nicht. Wenn allerdings die Mutter ein Buch lesen will, wird sie von ihrem Sohn nicht in Ruhe gelassen.

Wechselwirkungen und Stress

Wir fassen also zusammen: Das Problem ist ein „unmögliches“ Kind, das über Erziehung und Reglementierungen zum Respekt erzogen werden muss.

Nein.

Nächster Erklärungsversuch: Das Problem ist eine Mutter, die einfach ein bisschen doof ist und ganz klar in die Kategorie „Helikoptereltern“ gehört.

Nein.

Das Problem ist: Wenn Elternliebe (im Übrigen auch Nächstenliebe) verstanden wird als der Auftrag, sich selbst schlecht zu behandeln, entstehen in engen Beziehungen destruktive und stressverursachende Wechselwirkungen. Auf allen Seiten. Mama gibt sich auf, Sohnemann verhält sich wie ein Parasit UND fühlt sich verantwortlich und schlecht.

Kooperation – Vorleben ist Erziehung

Kooperation heißt, dass sich unsere Kinder zu uns verhalten. Immer. Sie verhalten sich zu der Art, wie wir leben. Sie verhalten sich dazu, wie wir essen, wie wir arbeiten, wie wir denken, fühlen, handeln. Sie verhalten sich dazu, wie wir mit uns und unseren Grenzen, Bedürfnissen und Werten umgehen. Und sie verhalten sich zu unserem Stress. Unser Vorleben ist Erziehung. Alles andere ist vielleicht nett gemeint.

Eltern, die sich vor dem Hintergrund ihrer Wertsteigerungsprogramme („Ich leiste, also bin ich…“) und Liebeskonzepte („Liebe ist eine Dienstleistung und muss man sich verdienen…“) aufgeben, sind kein Geschenk. Sie sind eine Überforderung. Für sich selbst und für ihre Kinder.

Ich kenne Eltern, die froh sind, wenn das Wochenende endlich vorüber ist. Für sie sind Wochenenden eine Qual. Sie verbringen ihre Freizeit nicht etwa damit, sich dem „köstlichen Nichts“ und dem Wohlergehen hinzugeben. Sie arbeiten. Entweder mit Putzlappen in Küchen. Oder aber an und mit ihren Kindern.

Stress entsteht…

Stress entsteht, wenn wir über lange Zeit tiefere Bedürfnisse ignorieren und nicht aus Bedürfnissen handeln. Unter Stress setzt der Körper Kortisol frei, eines der Hormone, das uns in bedrohlichen Situationen mobilisiert. Intelligentes und kreatives Problemlösen ist sehr stressanfällig. Und falls jemand der Meinung ist, ganz wichtige Sätze zu markieren oder an die Kühlschranktür zu hängen. Der folgende Schachtel-Satz ist dafür prädestiniert:

Wir haben unter Stress keinen optimalen Zugang zu unseren Kompetenzen und Werten und das ist der Grund dafür, dass wir manchmal Dinge tun, die wir doch eigentlich gar nicht tun wollten und deswegen müssen wir gut für uns und unsere Bedürfnisse sorgen und deswegen sage ich „JA“ zu mir selbst und deswegen bin ich keine schlechte Mutter und kein schlechter Vater, wenn ich mir gut tue, sondern ich bin ein wunderbares Rollenmodell in der Übernahme persönlicher Verantwortung.

Und jetzt: Durchatmen, Luft holen, Kaffee trinken…
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In meiner Familienakademie erinnern wir uns regelmäßig an unsere Vorbildfunktion als Eltern. Und das heißt nicht unbedingt, dass wir darüber beratschlagen, wie wir unseren Kindern gute Manieren beibringen. Das heißt, dass wir uns gegenseitig ermutigen, zu uns, unseren Bedürfnissen und Grenzen zu stehen. Und wer behauptet, dass das in Liebesbeziehungen immer einfach wäre, kriegt Ärger und was mit dem Putzlappen 😊.

Du bist ganz herzlich eingeladen…

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN