Beiträge

Schule - Wenn Anpassung in Überanpassung mündet

Schule – Wenn Anpassung in Überanpassung mündet…

Wenn man sich vor Augen führt, auf was und auf wen sich junge Menschen an unseren Schulen jeden Tag einstellen (müssen), kommt einem die Idee der fehlenden Anpassung bisweilen vor wie ein schlechter Witz. Schüler von heute müssen so viel Energie in die Überlebensstrategie “Überanpassung” stecken, dass ihnen oftmals nicht mehr genügend Energie bleibt, um sich auf „ihr“ eigentliches Lernen zu konzentrieren oder auf (aus unserer Sicht) „bedeutsame“ Freizeitaktivitäten einzulassen.

Nein, die hauen sich nach Schulschluss vor den Rechner und essen Chips.

Medienverhalten und Bedürfnisse

Selbstverständlich ist das Thema „Kinder / Jugendliche und die neuen Medien“ zu komplex ist, als dass es sinnvoll wäre, einen einzigen Gedanken zu bemühen, um es als geklärt abzutun. Ich will an dieser Stelle nur anbieten, dass wir das Medienverhalten unserer Kinder besser in einen Gesamtkontext stellen, als es reflexartig zu verteufeln. Das Leben etlicher Kinder ist heute zu einem Großteil geprägt von „Schlag das Mathebuch auf und lerne!“, „Du gehorchst deinen Lehrern!“ und „Wenn nicht, dann…!“.

Steckten wir in einem ähnlichen Alltag fest, träfen wir uns zum Feierabend ganz sicherlich auch nicht mit Freunden im Wald, um Pflanzen zu bestimmen oder Buden zu bauen. Nein, auch wir verbrächten unsere karge Freizeit wohl eher damit, diejenigen Bedürfnisse zu befriedigen, die in den acht Stunden vorher unterdrückt werden mussten: Ruhe, Integrität, Autonomie, Selbstwirksamkeit, Spielen, Erholung, Leichtigkeit, Distanz, Freiheit…

Ich schenke dir jede Woche ein neues und exklusives Impuls-Video zu den Themen FamilieElternseinBeziehungenSchule.

Trag dich hier ein, um über neue Videos benachrichtigt zu werden:

Das Leben ist kein Ponyhof

„Ja, ja“, beginnen manche Erwachsene ihr Referat zum Thema „Das Leben ist kein Ponyhof“, „in meinem Arbeitsalltag muss ich mich auch anpassen.“ Das mag sein und das ist auch überhaupt kein Problem. Wir alle mussten und müssen lernen, die eigenen Bedürfnisse, Grenzen, Wünsche und Werte im Spannungsfeld aus Integrität und Kooperation zu „parken“. Allerdings gibt es einen riesengroßen Unterschied zwischen “Bedürfnisse parken” und Bedürfnisunterdrückung.

Ich sehe ein grundsätzliches Problem darin, dass sich Kinder und Jugendliche in der Schule auf Kosten des Eigenen ständig überanpassen müssen. Das alleine sollte uns schon mehr als nachdenklich stimmen. Hinzu kommt, dass sich permanent den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass es ihnen an Kooperationsbereitschaft und Einstellung mangelt. Für nicht wenige Schüler ist genau DAS der Tropfen, der das Fass irgendwann zum überlaufen bringt.

Würden wir auf unserer Arbeitsstelle das erleben, was Schüler in ihren Schulen ertragen müssen, würden wir auf Dauer wahnsinnig und aggressiv werden.

Dazu ein Gedanke von Arno Gruen:

„Das ist es, was Menschen zur Gewalttätigkeit treibt: Die fehlende Möglichkeit, eigene Bedürfnisse und Wahrnehmungen zum Kern der eigenen Identitätsentwicklung zu machen.“

Überanpassung und ihre Folgen

Auffällig gewordene Schüler sagen über ihr Verhalten: “Wir haben sehr lange mitgemacht und nun ist Schluss!” Sie kooperieren nicht zu wenig, sie haben viel zu lange und viel zu intensiv kooperiert.

Wer als Lehrer der Auffassung ist, Kinder und Jugendliche über Maßnahmen, Sanktionen und Einträge ins Mutti-Heft gefügig machen zu müssen, hat nicht verstanden, dass entsprechende “Problemlösungen” das bereits vorhandene Elend der jungen Menschen eher noch verstärkt. Besorgniserregend ist für mich an der Stelle die zunehmende Tendenz, Eltern zu instrumentalisieren: „Sprechen Sie mit Ihrem Kind und sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind den Unterricht nicht mehr stört!“

Wer als achtjähriges Kind mit einer Mutter zusammenlebt, die hilflos und mit Sorgenfalten versucht, die entsorgte Schulverantwortung zu übernehmen, steckt in einem existentiellen, zweigeteilten Dilemma: Es hat jetzt nicht mehr „nur“ Probleme mit und in der Schule. Nun fühlt es sich auch noch verantwortlich für die Sorgenfalten der Mutter. Und das ist wirklich furchtbar, denn Kinder sind in gewisser Weise anmaßend. Sie maßen sich an, sich verantwortlich zu fühlen für das Wohlbefinden ihrer Eltern. Sie versuchen unbewusst Situationen und Sorgenfalten zu glätten…

“Jetzt bin ich brav!” – Ungesunde Anpassung in der Schule

Was macht also ein Kind, wenn es – von Gewissensbissen geplagt – von der besorgten Mutter zu hören bekommt, dass es sich benehmen muss? Es wird sich vornehmen, sich in der Schule zu benehmen. Und dann geschieht möglicherweise das Wunder:

Es klappt! Zwei, drei Tage lang (möglicherweise auch deutlich länger) wirkt es wie ausgewechselt. Es „macht mit“, kämmt sich die Haare, sagt „Guten Tag, Frau Lehrerin…“, ordnet sich unter, meldet sich, bespricht am Ende des Schultages, ob es sich an die Regeln gehalten hat, isst das Pausenbrot, packt den Ranzen, verkündet, dass Frau Messner die beste Lehrerin von der ganzen Welt ist und geht nach dem Sandmännchen ins Bett. Alles gut!

Alles gut?

Wenn junge Menschen in der Schule an Überanpassung zu ersticken drohen…

Nein, es ist nicht alles gut, weil sich insbesondere jene, die vor dem Hintergrund ihrer Professionalität wissen sollten, dass Symptome Botschaften sind und Machtmissbrauch keine Alternative ist zum Gefühl der Machtlosigkeit, keineswegs zufriedengeben sollten mit dem „guten Benehmen“ des Kindes.

Der Tag wird kommen, an dem das achtjährige Kind an den Strapazen der „Abmachungen“ bzw. Überkooperationsleistungen zu ersticken droht. Es wird wieder auffällig werden. Nicht jedoch, weil es nicht verstanden hat, wie man sich zu benehmen hat, sondern weil die Erwachsenen nicht verstanden haben, was es braucht.


In meiner Familienakademie unterstütze ich dich dabei, einen guten Umgang mit dem Thema “Schule” zu finden. Du kannst all die Fragen, Unsicherheiten, Ängste und Wünsche aussprechen, die dich bewegen und mit mir und mit vielen anderen Eltern in den gleichwürdigen Dialog gehen. 

Hier geht`s lang. 

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Helikoptereltern-Eltern-Lehrer-Schule-Kinder-andreasreinke.jpg

Helikoptereltern – Wenn Eltern an den Pranger gestellt werden…

Bevor ich Vater wurde, war ich bereits seit zwei Jahren Lehrer. In dieser Zeit ging ich einer Beschäftigung nach, die für Junglehrer durchaus typisch ist: Ich übte mich darin, alles besser zu wissen, Eltern zu belächeln und sie als „Helikoptereltern“ zu betiteln. In meiner jugendlichen Arroganz dachte ich, dass es ja nun wirklich nicht so schwer sein kann, sein Kind „richtig“ zu erziehen. Hier ein paar Regeln und Grenzen, da einige Ansagen und Konsequenzen. Das Ganze garnieren mit einer guten Portion Fürsorge und dann läuft der Laden. Ich hielt mich für das Maß aller Dinge und wusste selbstverständlich sehr genau, was eine „gesunde Portion Fürsorge“ ist und ab wann Fürsorge zur Überfürsorge wird.

Überfürsorgliche Eltern

Mit Unverständnis, einigen angelesenen Argumenten und etlichen normopathischen Sprachgewohnheiten reagierte ich auf „überfürsorgliche Eltern“, deren wichtigste Aufgabe meiner Meinung nach darin bestand „einfach mal loszulassen“ und „uns Lehrern zu vertrauen“. Aus heutiger Sicht ist es mir geradezu peinlich: Vor mir saßen Erwachsene mit zum Teil deutlich mehr Lebenserfahrung und ich ärgerte mich darüber, dass Sie mir, dem allwissenden Lehrer, mit Skepsis begegneten. „Eindeutig beratungsresistente Eltern!“, resümierte ich nach so manchem Elterngespräch. Oder: „Die Eltern von Jasmin wollen DER Realität einfach nicht ins Auge schauen!“

Was bitte wusste ich nach einem Leben voller Schule bitte über eine wie auch immer geartete Realität?

Ich bediente mich scheinprofessioneller Floskeln und war voll infiziert mit dem Glaubenssatz, dass ich allein vor dem Hintergrund meiner Rolle als Lehrer immer im Recht sei. Heute weiß ich, dass eines der größten Probleme an unseren Schulen darin besteht, dass noch immer unzählige Lehrer meinen, sie müssten als sogenannte rollenbedingte Autoritäten für „Ruhe und Ordnung“ sorgen. („Du hast mir zu gehorchen, weil ich Lehrer bin!“) Dieser Führungsstil funktionierte möglicherweise vor vierzig Jahren, nicht jedoch im Jahre 2019.

Ich schenke dir jede Woche ein neues und exklusives Impuls-Video zu den Themen FamilieElternseinBeziehungenSchule.

Trag dich hier ein, um über neue Videos benachrichtigt zu werden:

Wer sich heute als Lehrer vor Schülern oder Eltern aufbaut und meint, aus seiner Lehrerrolle heraus Eindruck machen zu können, muss entweder unfassbar viel Druck aufbauen, um für „RUUUHE!“ zu sorgen oder unter Schmerzen lernen, dass es an der Zeit ist, den Schritt von der rollenbedingten zur persönlichen Autorität zu wagen.

Ich Lehrer. Du Jane

Wenn ich an den Lehrer denke, der ich einst war, kommt in mir der Wunsch auf, mich bei alle den Eltern zu entschuldigen, denen ich mein einfältiges Lehrer-Käseglocken-Weltbild überstülpen wollte. Nur: Woher hätte ich wissen sollen, dass Beziehungskompetenz etwas Anderes ist als „Hinsetzen und zuhören! Ich Lehrer. Du Jane!“?

In unserer Ausbildung hatten wir nichts gelernt, um die Verantwortung für das eigenen Denken und für die Qualität der Beziehung zu übernehmen. Wir wurden zu Wissensvermittlern ausgebildet.

Dann, nachdem ich zwei Jahre lang von Eltern erwartet hatte, meinen Erziehungsidealen zu entsprechen, kam meine Tochter Emma zur Welt. Vom ersten Tag an hatte sie eine etwas andere Idee vom Leben auf diesem Planeten. Meine modellhaften und statischen Seifenblasen-Ideen vom einfachen Elternsein zerplatzten innerhalb von Tagen und ich fing an zu rotieren und nachzudenken.

Zum Glück hatten wir als Eltern immer ausreichend Humor, um uns selbst auf die Schippe zu nehmen. Das entspannt! Unter lautem Gelächter bezeichneten wir uns wahlweise als „Lari-Fari-Eltern“ (Die Mutter meiner Tochter war Lari und ich war Fari…) oder auch als Helikoptereltern.

Eltern im Spannungsfeld

Meine Erfahrungen als Vater haben mir geholfen, meine Einstellung gegenüber Eltern komplett zu erneuern. Ich habe den allergrößten Respekt vor all den Eltern, die den Mut haben, sich im Spannungsfeld aus elterlicher Integrität („Hier sind wir. Mit all unseren Werten, Unsicherheiten, Ängsten, Wünschen, Träumen, Grenzen, Bedürfnissen, Kindheitserfahrungen und mit all unserer Liebe“) und Kooperation im Außen (Krippe, Kindergarten, Schule, Erziehungsexperten, Lehrer, Bücher, Ratgeber, Medien, Großeltern, Freunde, WhatsApp-Gruppen…) zurechtzufinden und zu positionieren.

Ähnlich wie Kinder und Jugendliche leben Eltern heute in einer Welt, in der zumindest zwischen den Zeilen folgender Imperativ die Menschen auf Dauer verrückt macht:

„Seid so, wie ihr seid und haltet euch an die Norm!“ Das nennt man ein kognitives Dilemma.

Umgang mit Helikoptereltern

Und wie gehe ich mit den sogenannten „Helikoptereltern“ um?

Schritt 1: Ich emanzipiere mich von der Bezeichnung „Helikoptereltern“ und gehe stattdessen in den gleichwürdigen Dialog.

Mag sein, dass heute viele Eltern aus Liebe zu ihren Kindern, in dem Wunsch, gute Eltern zu sein und aus Angst vor Horrorszenarien das Rotieren beginnen. Mag sein, dass es heute vermehrt Kinder gibt, die an der Seite von Eltern aufwachsen, die in Reaktion auf die eigene Kindheit die eigenen persönlichen Grenzen aufgeben. Mag sein, dass manche Eltern nicht genau wissen, was der Unterschied ist zwischen Lust und Bedürfnis.

Aber wer bitte sind wir, dass wir als Lehrer meinen, darüber befinden zu dürfen, was „richtig“ (fürsorglich) oder „falsch“ (überfürsorglich) ist. Haben wir Kurse zu der Frage belegt, ab wann Eltern in die Kategorie „Helikoptereltern“ gehören? Sind wir aufgrund eines besonderen Fach- bzw. Geheimwissens dazu autorisiert, über Eltern zu richten beziehungsweise Eltern zu instruieren? Und mal ehrlich: Was wissen wir über Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie, Neurobiologie?

„Also ehrlich. Ich muss doch keine besonderen Kurse besuchen oder Fachbücher lesen, um zu wissen, was richtig und falsch ist. Das SIND Helikoptereltern. Das sehe ich doch. Da reicht mir mein gesunder Menschenverstand!”

Vorsicht! Es gab Zeiten, da sich Menschen ihres gesunden Menschenverstandes bedienten und sehr schlimme Dinge taten.

Scheinprofessionelle Formulierungen

Ich selbst lehne die Bezeichnung „Helikoptereltern“ mittlerweile komplett ab. Nach meiner Erfahrung geht der Gebrauch der Formulierung „Helikoptereltern“ für gewöhnlich einher mit Besserwisserei, Respektlosigkeit und Anklage. Und ich muss es so klar sagen: Im Umfeld Schule ist es geradezu salonfähig geworden, mit scheinprofessionellen Formulierungen wie zum Beispiel „Helikoptereltern“ für „Klarheit“ zu sorgen:

„Das sind Helikoptereltern. Da kann man nichts machen.“ (Was sind „Helikoptereltern“?)
„Ihr Kind hat ein Wahrnehmungsproblem!“ (Was ist ein „Wahrnehmungsproblem“?)
„Als Schulleiter muss ich für den Schulfrieden sorgen!“ (Was ist „Schulfrieden“?)
„Jan ist ein Klassenclown.“ (Ein WAS?)
„Schüler X hat einen Förderbedarf im Bereich geistige Entwicklung.“ (Kann mir bitte jemand erklären, was der „Geist“ ist?)

Okay, aber was mache ich denn als Lehrer, wenn ich den Eindruck habe, dass die Eltern von Katja auf eine erdrückende Weise fürsorglich sind?

Ich löse mich von dem Gedanken, dass ich irgendeine objektive Wahrheit kenne und lade die Eltern ein zum gleichwürdigen Dialog. Und wenn es mir gelingt, einen guten Kontakt zu etablieren, werden Eltern nach meiner Erfahrung IMMER offen werden für neue Gedanken, Fragen und Hinweise. NICHT offen werden sie, wenn ich mit der Idee der „Helikoptereltern“ auf sie einrede und ich selbst nicht offen bin.

Ein Gedanke zum Abschluss:
Was ist das eigentlich für eine merkwürdige Logik, dass wir Lehrer immer dann, wenn es gut in unser Konzept passt, darauf bauen, dass Eltern durch die Gegend „helikoptern“?

Eltern sollen einerseits ihre Grundschulkinder am Eingang zur Schule abgeben (weil die ja schon groß sind) und andererseits dafür Sorge tragen, dass die Hausaufgaben vollständig und fristgerecht abgegeben werden.
________________________________________
In der Familienakademie sind alle Eltern eingeladen, die viel Freude daran haben, miteinander die Helikopter-Perspektive einzunehmen, um sich und seine Familie mal „von oben“ anzuschauen 😊

Hier geht es lang…

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN