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Schule macht krank

Schule – Wenn Schüler und Lehrer im Überlebensmodus stecken

Wir könnten im Umfeld „Schule“ sehr viel Energie sparen beziehungsweise sinnvoller nutzen, wenn wir endlich damit aufhörten, Schüler in karge Klassenräume zu stecken, um sie unter Zuhilfenahme von Achtsamkeitsräubern wie zum Beispiel „Noten“ oder „Smileys“ zu „motivieren“.

Eines der größten Probleme, die wir heute an unseren Schulen haben, besteht meiner Ansicht nach darin, dass wir die Ursachen für die sogenannten Disziplin-, Lern, und Konzentrationsprobleme allein bei den Schülern und deren Eltern suchen. Täglich geben uns unzählige Schüler Rückmeldungen darüber, wie es ihnen geht. Zum Beispiel dadurch, dass sie aggressiv werden, sich zurücknehmen, desinteressiert wirken, nicht mehr „richtig“ mitmachen, mobben usw.

Überlebensstrategien

Und was machen viele (nicht alle, nicht alle, nicht alle) Lehrer und Schulleiter? Im übertragenen Sinne fahren sie in die Auto-Werkstatt, um die aufleuchtende Öl-Lampe des Autos entfernen zu lassen, anstatt den Öl-Stand und damit eine mögliche Ursache zu überprüfen. Wenn wir den Öl-Stand unseres Autos ignorieren oder fehlinterpretieren, bleibt es irgendwann stehen.

Was passiert nun, wenn wir die Rückmeldungen unserer Schüler ignorieren oder fehlinterpretieren? Möglicherweise bleiben auch sie stehen (freeze). Vielleicht bedienen sie sich aber auch derjenigen Überlebensstrategien, auf die Menschen im Gegensatz zu Autos in bedrohlichen Situationen zurückgreifen können: Sie greifen an (fight) beziehungsweise flüchten (flight).

Unsere Schulen sind durchsetzt von symptomschaffenden Praktiken, Glaubenssätzen und Strukturen.

Schüler motivieren

Wir setzen Schüler an „ihren Platz“, um sie dort abzuholen, wo sie stehen. Das ist bei genauerer Betrachtung ziemlich irre. Insbesondere dann, wenn wir gleichzeitig das Ziel ausrufen, Schüler zu motivieren.

Wir können Menschen genauso wenig motivieren, wie wir sie hungrig MACHEN können. Sicher: Wenn mir jemand eine wohlriechende Pizza vor die Nase hält, läuft mir ganz gewiss das Wasser im Munde zusammen. Jedoch können Pizza und Pizzabäcker den Hunger in mir nicht MACHEN.

Durchaus könnte man im Umkehrschluss nun meinen, als Lehrer dann halt jeden Tag in die Klassen gehen zu können / zu müssen, um – im Sinne eines motivierenden, appetitanregenden, auf die verschiedenen Geschmäcker ausgerichteten Unterrichts – Wackelpudding, Spaghetti Bolognese oder Bratkartoffeln zu verabreichen. Aber abgesehen davon, dass Menschen „autopoietische“ Systeme sind, d.h. Systeme, die sich permanent selbst erzeugen, ist es weder im klassischen Frontalunterricht noch im angeleiteten Projektunterricht möglich, immerzu Begeisterungsstürme und Motivationsschübe (bzw. Hungerattacken) auszulösen. Viele unserer Schüler werden nicht satt, obwohl sie ständig gestopft werden.

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Schule macht auch Lehrer krank

Ich behaupte, dass derzeit zigtausende Lehrer den Irrsinn des Schulsystems „bedienen“, indem sie gleichzeitig motivieren, bewerten, individualisieren, unterrichten, sanktionieren, “inkludieren”. Sie versuchen in gewisser Weise, Unmögliches möglich zu machen. Das wiederum führt u.a. dazu, dass sie krank werden, kränken oder den Lehrerberuf an den Nagel hängen.

Martin Mourier schreibt in seinem phantastischen Buch „Neue Führungskompetenz“: „Es kann ein gutes Zeichen sein, wenn die Leute krank werden, falls die Alternative wäre, sich selbst zu zwingen, etwas auszuhalten, was schlecht für einen ist.“

“Ab in den Trainigsraum…!”

Ich selbst weiß sehr genau, wie unfassbar anstrengend es als Lehrer ist, 26 Fünftklässler bei der Stange zu halten, die eben nicht “von der Stange” sind, um nach 45 (oder 90) Minuten 28 Siebtklässler zu motivieren, welche den Kinderschuhen längst entwachsen sind und sich nicht über „Leckerlies“ oder Drohungen „motivieren“ lassen.

„Ab in den Trainingsraum“, schallt es im Jahre 2020 durch diverse Einrichtungen, „und dann denkst du über dein Verhalten nach!“ Mag ja sein, dass dann manche Schüler tatsächlich nachdenken. Ob ihr Nachdenken jedoch konstruktiv ist und im Sinne der Befehlshaber, bleibt abzuwarten.

Wir müssen uns bewusst machen, dass in den pädagogisch wertvollen Trainingsräumen bisweilen junge Leute sitzen, die einzig  darüber nachdenken, wie sie sich rächen können.

Energieraubenden Glaubenssätze und Strukturen

Meine Tochter (14) fragte mich vor einiger Zeit, ob Lehrer tatsächlich davon ausgingen, dass Schüler mehr Respekt hätten oder mehr motiviert seien, wenn Lehrer Verhaltenspunkte gäben. Ich fragte sie nach ihrer Meinung. Sie antwortete: „Ich habe Angst davor, dass ich bestraft werde, aber mehr Respekt vor den Lehrern habe ich dadurch nicht.“

Wir – und ich meine damit in erster Linie Lehrer, Schulleiter und Eltern – müssen uns auseinandersetzen mit energieraubenden Glaubenssätzen und beziehungsverhindernden Strukturen! Die „Eckpfeiler“ unseres Schulsystems lauten: Gehorsam, Misstrauen, ein insgesamt defizitorientiertes Menschenbild, Sanktionen, Gleichschritt, übergriffige Bewertungssysteme und die Überzeugung, dass Qualität von Qual kommt.

Unsere Schüler brauchen keine Noten. Wir, die Erwachsenen „brauchen“ Noten.

Ist das wahr?

Nein, selbstverständlich nicht. Wir GLAUBEN, Noten zu brauchen. Sogar unsere Schüler GLAUBEN eines Tages, Noten zu brauchen. Was für eine Not manche Glaubenssätze doch verursachen. Und sie schaffen Missverständnisse: „Meine Schüler WOLLEN, dass ich sie benote.“ Ja, klar.

Schüler brauchen Vertrauen

Ich wünsche mir „Vertrauensschulen“. Orte, an denen Kinder und Jugendliche darauf vertrauen dürfen, dass die Erwachsenen vertrauen. WIR dürfen darauf vertrauen, dass junge Menschen aus sich selbst heraus und mit Unterstützung von gleichwürdigen Lernbegleitern „in den Fluss“ kommen. Wir müssen nicht ständig Flüsse begradigen und uns darüber wundern, wenn plötzlich Wasser über künstlich errichtete Böschungen tritt beziehungsweise Deiche brechen.

Lerndialog zwischen Schülern und Lehrern

Wir können mit jungen Menschen in einen vertrauensvollen „Lerndialog“ gehen, indem wir uns für sie und ihre Belange interessieren. Wir können ihnen Angebote unterbreiten. Wir können Rückmeldungen geben. Wir können den achtjährigen Stefan fragen, warum es ihm so schwerfällt, sich mit Zahlen oder Buchstaben auseinanderzusetzen.

Nach meiner Erfahrung können nahezu alle achtjährigen Stefans oder elfjährigen Stefanies darüber Auskunft geben, wie es ihnen geht und warum sie sich vielleicht gerade nicht einlassen können. Solange wir jedoch voll sind mit Defizitgedanken, Bildern, Projektskizzen, Maßnahmenkatalogen oder auch unbehandelten Kleinheitsgefühlen können wir nicht wirklich zuhören.

 

Wir alle brauche Menschen, die uns zuhören. Auch wir Eltern. Die Familien-Community ist ein Ort, an dem Menschen einander zuhören. Du bist herzlich eingeladen, in unsere Gemeinschaft zu kommen, um mit mir und anderen Eltern zu wachsen. 

Du hast kein Risiko. 60 Tage kostenloses Rückgaberecht!

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Aggressionen bei KIndern - Wenn Lebensenergie unterbunden wird

Aggressionen bei Kindern – Wenn Lebensenergie unterbunden wird…

Unsere Aggressionen versetzen uns in die Lage, uns zu bewegen: Auf das zu, was wir brauchen. Weg von dem, was schadet. Gegen das, was Integrität bedroht.

Wir alle brauchen unsere Aggressionen, um zu lernen, um uns zu wehren, um uns durchzusetzen, um uns weiterzuentwickeln, um „Nein“ zu sagen, um destruktive Beziehungen zu beenden, um zu kündigen, um uns zu bewerben, um eine Ausbildung anzugehen, um „Willst du mich heiraten?“ zu sagen, um Widerspruch einzulegen, um unseren inneren Schweinehund zu besiegen, um ein Buch zu schreiben, um Geschäfte abzuwickeln, um Herausforderungen anzugehen, um zu gewinnen, um sich zu konfrontieren, um seine Bedürfnisse zu stillen.

Kurz: Wir brauchen unsere Aggressionen zum Leben. (Siehe u.a. Veröffentlichungen von Wolf Büntig)

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Aggressionen = Feindseligkeit?

Geschockt? Ich könnte es verstehen, weil viele von uns folgenden Zusammenhang gelernt haben: Aggressionen = Feindseligkeit. Der Umkehrschluss: Wir wollen keine Gewalt und deswegen wollen wir keine Aggressionen. Mit dieser anti-aggressiven Haltung unterbinden wir Lebensenergie. Sowohl unsere als auch die unserer Kinder beziehungsweise unserer Schüler

Ich denke, wir müssen uns sehr kritisch mit der Frage auseinandersetzen, was wir jungen Menschen wie vorleben und warum. Gerade in Bezug auf das Thema „Aggressionen“. Meine Überzeugung ist, dass allein deswegen so viele Kinder und Jugendliche zur externalisierten oder internalisierten Gewalt neigen, WEIL sie in Familien oder / und pädagogischen Einrichtungen aufwachsen, in denen sie stillgelegt werden. Übrigens nicht selten unter Zuhilfenahme zutiefst aggressiver Regeln, Grenzen und Konsequenzen.

Wer in jungen Jahren seiner Aggression beraubt wird, ist zur Passivität und Depression verdammt.

Lebensenergie “Aggression”

Während meiner Zeit als Student lebte ich mit Menschen zusammen, denen es unmöglich schien, “einfache” Tätigkeiten auszuüben, wie zum Beispiel zum Einkaufen zu gehen, den Müll zu entsorgen, einen Brief zum Postamt zu bringen. “Das kann doch nicht so schwer sein”, dachte ich. Heute denke ich:

Für manche Menschen ist es aufgrund übernommener Kindergelübde und eingefleischter Überlebensstrategien geradezu unmöglich, sich aufzuraffen und Pläne umzusetzen. Ich glaube nicht, dass Menschen “einfach so” faul sind. Ich denke eher, dass viele Menschen in ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben, ihre Lebensenergie „Aggression“ auf den Standstreifen des Lebens abzustellen. Ihnen wurde die Fähigkeit des normalen, unauffälligen Nicht- beziehungsweise Liebseins antrainiert: „Du gehst in dein Zimmer und kommst erst raus, wenn du wieder brav bist!“

Und seitdem sitzen deprimierte Menschen antriebslos in Zimmern, vegetieren vor sich hin und machen sich dafür fertig, dass sie nicht die sind, die sie sein sollten. Wer von sich selbst entfremdet wurde, um den Bildern anderer zu entsprechen, verliert den Kontakt zu sich selbst.

Folgen einer anti-aggressiven Haltung

Manche ziehen sich zurück. Andere ziehen in den Krieg. Sie kämpfen an gegen Menschen, die sie an die eigene unterdrückte Lebendigkeit und an das eigene Opfersein erinnern.

Manchmal frage ich Eltern und Lehrer am Anfang einer Veranstaltung, was Kinder / Schüler in fünf, acht oder fünfzehn Jahren brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Niemand sagt: “Binomische Formeln” oder “Rechtschreibstrategien”. All das, was geäußert wird, bezieht sich im weitesten Sinne auf die Fähigkeit, persönliche und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Sind Binomische Formeln und Rechtschreibstrategien deswegen unwichtig? Nicht zwangsläufig, nur beziehen sich Fachkompetenzen auf eine komplett andere Ebene.

Die Übernahme persönlicher und sozialer Verantwortung ist mit einer “anti-aggressiven” Grundhaltung nicht möglich. Wenn uns die psychosoziale Gesundheit unserer Kinder / Schüler am Herzen liegt, müssen wir ihnen zugestehen, sich mit ihren Aggressionen bekannt zu machen.

Und das fängt meiner Ansicht nach an der Stelle an, an der wir jungen Menschen zugestehen, wütend, traurig, unzufrieden oder ängstlich zu sein. Sie brauchen von uns die Einladung, etwas anderes zu wollen als wir. Die Chance, sich an uns zu reiben. Viele Möglichkeiten, sich zu bewegen, sich auszuprobieren, “Nein” sagen zu üben.

Aggressionsprobleme

Und ich möchte gerne betonen, dass der Umstand, dass sich Kinder im Sandkasten eben auch mal mit der Schaufel auf den Kopf hauen, nicht gleichbedeutend ist mit: “Der 3.Weltkrieg naht”.

Ich sage nicht, dass wir uns als Eltern oder Pädagogen dem Willen unserer Kinder / Schüler unterwerfen sollen und alles durchwinken müssen! Bloß nicht. Mir ist wichtig, dass WIR UNSERE Haltung zum Thema “Aggressionen” überprüfen, anstatt auffällig gewordene Kinder / Jugendliche an den Pranger zu stellen oder in „Anti-Aggressions-Projekte“ zu stecken.

Ja, viele Kinder und Jugendliche haben heute Aggressionsprobleme. Jedoch nicht unbedingt in dem Sinne, wie Aggressionsprobleme heute oft definiert werden. Unzählige Kinder und Jugendliche (und Erwachsene) legen allein deswegen ein aggressives Verhalten an den Tag, weil ihre Aggressionen mit Hilfe aggressiver Regeln, Konsequenzen, Strafandrohungen und Gewissensbisse unterdrückt werden bzw. wurden.

Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme, fehlende Motivation

Das Potential, sich für etwas zu motivieren, etwas „in Angriff zu nehmen“, ist jedem Menschen eingegeben und wird am Vorbild entdeckt. Wenn dieses Potential im Bildungs- und Erziehungs-Ödland verkümmert, weil Regeln, Grenzen, Konsequenzen, Erziehungskonzepte und Lehrpläne Individualität und Lebendigkeit unterdrücken, sind Symptome wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme oder fehlende Motivation die Folge.

Wenn sich ein Kind (scheinbar) nicht motivieren kann, permanent stört oder Fluchttendenzen entwickelt, müssen wir davon ausgehen, dass der Zugang zum Eigenen und zu den natürlichen Aggressionen durch äußere Einflussnahme gestört ist. Der Versuch, junge Menschen von außen zu motivieren und in ihrem Sosein zu unterbinden, ist ein zutiefst aggressiver Akt und zwingt die Unterdrückten geradezu, ihre Restenergie darauf zu verwenden, sich zu verteidigen.

Und wer sich verteidigen muss, kann sich schon mal gar nicht auf irgendeinen Zahlenraum einlassen…


Nutze deine Aggressionen und werde Mitglied in der Familienakademie 🙂 Ich begleite Eltern, die neben vielen anderen Anliegen, ein Interesse haben, sich mit ihren Aggressionen auszusöhnen. Auch gehen wir der Frage nach, was wir tun können, wenn mit uns oder unsere Kindern mal wieder der Gaul durchgeht…

Hier geht`s lang

Liebe Grüße, Andreas Reinke
INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

ADHS

ADHS – Alle Dürfen Homogen Sein!

Ich bin kein Arzt oder Neurobiologe, sondern Lehrer, Lehrercoach und Elternberater. Mit anderen Worten: Grundlagenforschung zum Thema ADHS habe ich nicht betrieben und dementsprechend auch nicht vorzuweisen. Meine Arbeit ist die eines Praktikers, der versucht, Erkenntnisse und Forschungsergebnisse zum Thema ADHS (ADS, LRS, Dyskalkulie usw.) zu sichten und in seine Praxis zu integrieren. Nachdem ich viele Jahre lang mit Kindern, Jugendlichen und Eltern gearbeitet habe, komme ich zu dem unspektakulären Schluss, dass die Diagnose ADHS durchaus berechtigt und hilfreich sein kann.

Es mag Kinder geben, die eine besondere Unterstützung brauchen und für die es ein Segen sein kann, wenn ADHS festgestellt wird und entsprechende Maßnahmen eingeleitet werden. Und ich will an der Stelle deutlich hervorheben, dass wir bei aller Kritik, die aus meiner Sicht berechtigterweise zum Umgang mit dem Thema ADHS geäußert wird, endlich damit aufhören müssen, denjenigen Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden, die nicht mehr weiterwissen und angesichts entsprechender Expertenmeinungen auf das Medikament Ritalin zurückgreifen. Was soll das bringen, Eltern ständig an den Pranger zu stellen?

Ich habe noch nie Eltern erlebt, die gleichzeitig mit Richtersprüchen und Gewissensbissen malträtiert werden UND offen werden für alternative Sichtweisen. Erst dann, wenn Eltern den Eindruck gewinnen, dass sie respektiert und „gesehen“ werden (zum Beispiel von Lehrern, Medizinern, Psychologen, Freunden, Nachbarn, Schwiegereltern) werden sie möglicherweise zugänglich werden für neue Perspektiven. Blöd nur, wenn gerade den sogenannten Experten nichts Besseres einfällt, als Kategorisierungen vorzunehmen, Symptome zu bekämpfen, junge Menschen passgerecht zu machen, ein Mehr an „Regeln und Grenzen“ einzufordern und mit Buchstaben-Diagnosen zu jonglieren.

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Da haben wir den Buchstaben-Salat: ADHS, ADS, LRS, RS…

Geht man allein von der steigenden Anzahl von Kindern und Jugendlichen aus, die heute – speziell im Kontext Schule – mit Diagnosen wie ADHS, ADS, LRS oder RS etikettiert und in Förderprogramme gesteckt werden, könnte man tatsächlich meinen, dass die „Kinder von heute“ (und die Jugendlichen sowieso) immer schwieriger werden.

Ich wiederhole: Ja, es mag vereinzelt Kinder geben, denen es helfen kann, wenn ihnen eine besondere (und besonders gute) Förderung zuteil wird. Jedoch stelle ich massiv in Frage, ob ALLE jungen Menschen, denen ADHS bescheinigt wurde, tatsächlich ADHS (oder was auch immer) haben. Heute erhalten nahezu alle Kinder und Jugendlichen, die nicht innerhalb der Toleranzwerte unseres Normenkataloges liegen, irgendeine Diagnose. Oft ADHS. Klingt so verantwortungsvoll. Und entlässt die verantwortlichen Erwachsenen aus ihrer Verantwortung, die Verantwortung für die Qualität der Beziehungen und für ein symptomschaffendes Schulsystem zu übernehmen, das Heterogenität propagiert, jedoch Homogenität will.

ADHS-Test – Mit einem Hammer in der Hand sieht alles aus wie ein Nagel

Mittlerweile gibt es mehr Schüler, die in irgendwelche Arztpraxen, Förderverfahren, „Lernen-lernen-Veranstaltungen“, Nachhilfe-Institute oder Psychotherapien geschickt werden, als solche, die nicht auf’s Förder-Radar geraten. Ich weiß sehr genau, wie so etwas ablaufen kann: „Der Jonas (Jungen sind hoch im Förder-Kurs) hat Konzentrationsstörungen und wirkt so orientierungslos. Ich glaube, der muss mal auf ADHS getestet werden. Vielleicht hat der auch was Räumlich-Visuelles?“ Schnell betreten Experten die Bühne und gehen ihrem Expertentum nach. Etliche (nicht alle!) Experten handeln nach dem Motto: „Mit einem Hammer in der Hand sieht alles aus wie ein Nagel.“ Experten sind häufig Menschen, die viel über wenig wissen und ihr Können unter Beweis stellen wollen. Zu Rate gezogen werden sie nicht selten von Lehrern, die mit ihrer Autoritätskeule nicht mehr weiterkommen.

“Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!”

„Ja, und warum werden dann immer mehr junge Menschen in der Schule auffällig?“ Meine Antwort: „Weil unser Schulsystem nicht für Menschen gemacht ist.“ Etliche unserer Schüler leiden durchaus unter Aufmerksamkeitsstörungen bzw. Aufmerksamkeitsdefiziten, allerdings nicht in der Weise, wie diese Begriffe für gewöhnlich verstanden und verwendet wird. Kinder und Jugendliche sehnen sich danach, gesehen zu werden – auf der existentiellen, menschlichen Ebene und nicht auf der Ebene der Schüler, der Leistungen, der Vergleiche, der Defizite. Und wenn sie nicht als die gesehen werden, die sie sind (d.h. wenn ihr Bedürfnis nach Beachtung ungestillt bleibt), greifen sie möglicherweise irgendwann auf die Überlebensstrategie zurück, sich über auffällige Verhaltensweisen sichtbar zu machen. “Die wollen doch nur Aufmerksamkeit!”, heißt es dann oft. Von solchen Haltungen müssen wir uns dringend verabschieden und stattdessen berücksichtigen, dass Schüler immer kooperieren. Sie kooperieren? Ja! Wenn sie nicht gesehen werden, sorgen sie dafür, dass sie gesehen werden. Hier dürfen wir von einer Form der Kooperation ausgehen, die wir indirekte oder spiegelverkehrte Kooperation nennen. Hingegen Schüler, die auf Dauer sehr still und unauffällig werden, kooperieren tendenziell direkt. (Empfehlen möchte ich an der Stelle das Buch “Vom Gehorsam zur Verantwortung” von Jesper Juul und Helle Jensen. Viele Infos und Hinweise zu Weiterbildungsmöglichkeiten unter https://familylab.de/)

Auffällige Schüler teilen sich mit

Wir Lehrer müssen lernen, auffälliges Schülerverhalten und auffällig unauffälliges Schülerverhalten als Botschaften an uns zu verstehen und diese sehr ernst zu nehmen. Noch nie habe ich ein Kind sagen gehört: “Du Lehrer, schau` mich doch mal bitte an. Ich bin anders als alle anderen Kinder und das ist gut so. Hier, ich habe da mal eine Präsentation von Remo Largo zum Thema intraindividuelle und interindividuelle Variabilität. Und wenn du die durchgearbeitet hast, lass uns mal wieder reden. Bis dahin lässt du mich bitte in Ruhe mit deinem Blick und deinen Diagnosen.”

Nein, so etwas sagen Kinder nicht. Zumindest nicht direkt. Sie senden ihre Botschaften anders:

Sie drehen am Rad, werden aggressiv, können sich nicht einlassen, verletzen Grenzen, verweigern die Mitarbeit, sind unkonzentriert oder fangen an, unruhig bzw. “hyperaktiv” auf dem Stuhl zu kippeln. 50 % der Kinder kooperieren direkt, indem sie die Einschätzungen der Erwachsenen auf lange Sicht bestätigen. Die anderen 50 % kooperieren spiegelverkehrt und wehren sich auf teilweise drastische Weise gegen die Integritätsverletzungen der Erwachsenen.

Die Durchschnittsschulen von heute beanspruchen (unfassbar viel) Zeit und Raum, verursachen Angst und Elend, erzeugen Druck und Enge. Und sie provozieren Symptome. Nein, früher war nicht alles besser, aber in meiner Kindheit war das Thema “Schule” für gewöhnlich am Nachmittag beendet. Und abgesehen davon, dass einem nicht zwangsläufig der Abgrund drohte, sofern man kein Abitur machte, wurde man als Schüler nicht ständig verglichen, getestet, gefördert.

Kinder sind in ihren Entwicklungen sehr unterschiedlich und je älter Menschen werden, desto unterschiedlicher werden sie. Das ist kein Problem, sondern menschlich. Was ist ein Kind, das mit neun Jahren nicht lesen kann? Ein Kind, das mit neun Jahren (noch) nicht lesen kann.

Wer hat damit ein Problem?

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Dein Kind hat Probleme in und mit der Schule und du spürst, dass du mit den klassischen schulischen Zuschreibungen und Druckmachern nichts anfangen kannst? Vielleicht denkst du auch manchmal, dass du “irgendwie anders” bist, weil alle anderen Eltern in deinem Umfeld überhaupt kein Problem mit dem Thema “Schule” zu haben scheinen? Dann bist du sozusagen prädestiniert, um in meine Familienakademie zu kommen 🙂 

Hier geht es lang…

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN