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Persönliche Verantwortung – Wenn Kinder „Ja“ zu sich selbst sagen dürfen

Wir fördern die persönliche und soziale Verantwortung junger Menschen kaum, indem wir mit Hilfe von Strafen oder Belohnungen Gehorsam einfordern und Referate über ein späteres Leben halten.

Kinder und Jugendliche, die in beängstigenden Familien und Schulen lernen, den Kopf einzuziehen und sich unterzuordnen, sind zumeist auch als Erwachsene überaus kompetent darin, folgsam und „richtig“ zu sein. Sie wissen, was zu tun ist, um fremden Erwartungen zu entsprechen, Strafen zu entgehen und andere Menschen zufriedenzustellen.

„Ja“ zu sich selbst sagen

Das Eigene zu verantworten, ist entfremdeten Menschen indessen fremd, da sie nicht gelernt haben, „Ja“ zu sich selbst zu sagen. Sie haben gelernt, „Jawoll!“ zu sagen.

Fremdbestimmte Menschen sind Fremde im eigenen Leben. Ihnen fehlt der Kontakt zu den wesensgemäßen Bedürfnissen, Grenzen, Interessen und Gefühlen, da sie sich selbst aufgeben mussten, um dazuzugehören.

„Und was heißt das?“, höre ich immer wieder empörte Erwachsene sagen, „Sollen Eltern und Pädagogen jetzt etwa alles abnicken, was Kinder wollen und tun?“

Nein!

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Das Bedürfnis nach Integrität

Das Bedürfnis, nach Gemeinschaft und Zugehörigkeit ist in uns Menschen genauso angelegt wie das Bedürfnis nach Integrität und Autonomie. Und es völlig in Ordnung, wenn Kinder an der Seite von Eltern und Pädagogen die Erfahrung machen, dass sie nicht immer alles bekommen oder tun können, was ihnen in den Sinn kommt. Kinder müssen durchaus lernen, sich anzupassen.

Wenn jedoch junge Menschen die eigene Integrität aufgeben müssen, um von den wichtigen Erwachsenen angenommen zu werden, zahlen sie auf Dauer einen hohen Preis.

Das Eigene verantworten

Wer nicht ermutigt wurde, nach innen zu gehen, um sich mit sich selbst bekannt zu machen und das Eigene zu verantworten, leidet für gewöhnlich unter einem schwachen Selbstwertgefühl. Überangepasste Menschen bekommen oftmals dann ein gravierendes, existentielles Problem, wenn gewohnte Rahmenbedingungen und Regeln wegfallen oder in ihrer Wahrnehmung in Frage gestellt werden. Für normalisierte Menschen sind Normenabweichungen (und Menschen, die von gewohnten Normen abweichen) eine Bedrohung. Schließlich ist nicht ihr Selbstwertgefühl das Gerüst, das alles zusammenhält, sondern das Normale. Sie wohnen im Gewohnten.

Umweltbedingungen

Wir alle – und ich meine hier in erster Linie Lehrer und Eltern – müssen uns ernsthaft fragen, ob unsere Schulen (im Durchschnitt) Orte sind, an denen junge Menschen das Eigene entdecken und entfalten dürfen. Die Rückmeldungen, die wir heute von etlichen Schülern in Form von Verhaltensauffälligkeiten, Grenzüberschreitungen, Körpersymptomen oder auch Fehltagen bekommen, sprechen aus meiner Sicht Bände.

Geht eine Pflanze ein, wissen wir, dass es eher an den Umweltbedingungen liegt als an der Pflanze. Entwickelt ein junger Mensch Symptome, versuchen wir das Problem über den Symptomträger zu lösen. Das ist nicht gerade schlau.

Freiräume

Ich denke, wir sollten uns an unseren Schulen sehr klar dazu bekennen, dass unser zentrales Anliegen nicht darin bestehen darf, irgendein starres Wissen zu vermitteln und Menschen zu normalisieren. Unsere wichtigste Aufgabe besteht darin, junge Menschen stärkend, vertrauend, empathisch UND klar zu begleiten.

Nicht wenige Erwachsene haben regelrecht Angst davor, jungen Menschen Freiräume zu geben, da sie glauben, auf diese Weise die Büchse der Pandora zu öffnen. Der Punkt ist: Wer bereits als Kind gelernt hat, an der Seite von verantwortungsvollen Erwachsenen persönliche Verantwortung zu übernehmen, lebt eben NICHT ausschließlich lustbetont.

Verantwortungsübernahme

Verantwortungsübernahme kann – bezogen auf den Schulkontext – zum Beispiel bedeuten: „So eine Scheiße. Auf Satzglieder habe ich ja nun überhaupt keinen Bock. Aber okay, ist halt dran und das gehe ich jetzt an.“ Wenn Schüler im Schulalltag genügend Luft zum Atmen bekommen, halten sie es für gewöhnlich sehr gut aus, auch mal das zu tun, worauf sie keine Lust haben. Junge (und alte) Menschen brauchen die Erfahrung, als die gesehen zu werden, die sie sind. Dann können sie auch mal zurückstecken und Pflichten erfüllen.

In der Schulpraxis

Was heißt das in der Schulpraxis? Zum Beispiel kann ich als Lehrer zu meinen Schülern sagen, welche Freiräume sie haben und welche Themen sie bis zum nächsten Sommer bearbeitet haben sollen:

„Hört mal, ihr könnt auch in diesem Jahr an euren Themen arbeiten und ich bin gespannt darauf zu sehen, was euch interessiert und wie ihr eure Ziele angeht. Ihr müsst aber auch wissen, dass es einige Themen gibt, die ich euch vorgebe. Ihr findet diese auf der Lernlandkarte. Wann, wie und mit wem ihr diese Themen bearbeitet, überlasse ich euch. Wenn ihr Fragen habt, könnt ihr gerne zu mir kommen. Und wenn ich merke, dass ihr euch verzettelt, komme ich auf euch zu.“

Verantwortung übernehmen

Eigenverantwortung lernen junge Menschen nicht durch das starre Befolgen von Regeln oder das stringente Abarbeiten von Jahresplänen, sondern durch die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Und wenn es den Schülern schwerfällt, eigenverantwortlich zu handeln? Dann brauchen sie Lehrer, die in Beziehung gehen. Erwachsene, die unterstützen. Personen, die Respekt und Verantwortung vorleben, anstatt einen Mangel an Respekt und Verantwortung zu beklagen.

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Schule und Überanpassung – Wenn Lehrer am längeren Hebel sitzen

Mehr denn je müssen Schüler heute „richtig“ sein, um als Individuen wahrgenommen zu werden. Die unterschwellige und zutiefst widersprüchliche Botschaft etlicher Lehrer lautet: „Wenn du dich an meine Erwartungen anpasst, darfst du du selbst sein.“ Überanpassung ist für viele Schüler die einzige Möglichkeit, einen letzten Rest ihrer persönlichen Integrität zu wahren.

Existentielle Nöte

Wer auf der existentiellen Ebene nicht gesehen wird, gerät auf Dauer in existentielle Nöte und entwickelt Symptome. Auffällig gewordene Schüler sagen über ihr Verhalten: „Wir haben sehr lange mitgemacht und nun ist Schluss!“ Sie kooperieren nicht zu wenig, sie haben viel zu lange und viel zu intensiv kooperiert.

Manche Lehrer sagen: „Ja, aber an unseren Schülern wird doch ohnehin schon so viel gefördert. Was sollen wir denn sonst noch alles machen?“

Schüler zu fördern, zu belehren und zu definieren, ist nicht gleichbedeutend mit „Ich sehe dich…“.

Und auch modern anmutende und schön funkelnde pädagogische Methoden sind so weit weg von der Idee der Gleichwürdigkeit wie ich von einem möglichen Wimbledon-Sieg…

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Lob, Stempel, Gewitterwolkenstempel

Leuchtende Kinderaugen erhellten den Klassenraum, als der kleine Tom – seit wenigen Wochen in der zweiten Klasse – den heiß ersehnten Stempel im Mitteilungsheft erspähte. Frau Halle hatte ihn nach einigen Vorfällen in Aussicht gestellt: „Wenn du dich an die Regeln hältst und ich dich nicht ständig ermahnen und vor die Tür setzen muss, sollst du eine Belohnung erhalten. Schau! Das ist der Sonnenstempel, den letzte Woche auch schon Anja, Bernd und Jan für gutes Benehmen bekommen haben.“ Und nun war es soweit. Tom würde nach Hause rennen, seiner Mutter das Heft überreichen und endlich würde seine Mutter etwas Erfreuliches über ihren Sohn erfahren.

Über ihn, der ihr, seitdem er in der Schule war, nur Scherereien bereitet hatte. Damit war jetzt Schluss. Nun wusste er, wie es geht. Seine Mutter müsste sich keine Sorgen mehr machen. Die Zeit der Gewitterwolkenstempel gehörte der Vergangenheit an. Er würde dafür sorgen, dass seine Mutter und Frau Halle zufrieden mit ihm sein würden. So schwer war das ja auch überhaupt nicht.

Er müsste im Unterricht nur ruhig sitzen, ordentlich mitmachen und niemanden stören. Er würde keine „Auszeit“ mehr brauchen…

Entzückt von der eigenen Güte und Professionalität stieg Frau Halle am Ende des Tages in ihr Auto. „Das mit den Stempeln funktioniert“, dachte sie. Tom würde doch noch lernen, was sie von ihm erwartet.

Mitarbeiter der Woche – Versager der Woche

Unlängst erzählte mir die Mutter eines achtjährigen Jungen, dass die Lehrerin ihres Sohnes jede Woche folgende Marschroute ausgibt: „Wer bis zum Freitag acht Arbeitsbögen gelöst hat, darf einen Stern auf das Klassenplakat kleben. Alle die, die das schaffen, bekommen am Freitag vor der Klasse Applaus.“

In dieser Klasse wurden jede Woche die „Mitarbeiter der Woche“ gekürt und damit insgeheim auch „die Versager der Woche“. Besagter Junge strengte sich anfangs sehr an, um zu den Auserwählten zu gehören. Er scheiterte und stellte seine Bemühungen nach einiger Zeit komplett ein. Der Junge, der sich noch vor wenigen Monaten auf „seine“ Schule gefreut hatte, fing an, Schule, Lehrer und Mitschüler zu hassen. Die Pädagogen des Hauses vertraten die Meinung, dass mit dem Schüler irgendetwas nicht stimmen könne. Sie schlugen eine besondere Förderung vor.

Der Gedanke, dass das Verhalten des Schülers in Beziehung zu dem stehen könnte, was sich im Klassenraum zutrug, wurde gegenüber der Mutter offensichtlich nicht geäußert. Den kritischen Anmerkungen der Mutter begegneten die Pädagogen mit „Professionalität“.

Kinder und Jugendliche kooperieren immer

Unsere geläufige Schulpädagogik ist zumindest unterschwellig von der Idee durchsetzt, Kinder und Jugendliche kooperativ beziehungsweise sozial kompetent machen zu müssen, da sie sich sonst zu egozentrischen und gefährlichen Ich-Imperien entwickeln könnten. Das halte ich allein deswegen für einen Trugschluss, weil Kinder und Jugendliche von Geburt an kooperieren. Sie kooperieren immer.

Zur Gefahr für sich selbst und andere können junge Menschen dann werden, wenn sie destruktive Muster kopieren, zu lange überkooperieren und das Eigene unterdrücken müssen, um in den Augen derer „richtig“ zu sein, die aus Angst vor Unruhen grenzverletzende Grenzen setzen. Das durch Unterdrückung erlittene Leid vieler Schüler zeigt sich sehr oft in „Stellvertreter-Konflikten“ inner- und außerhalb unserer Schulen. Sich direkt mit integritätsverletzenden Machthabern zu duellieren, würde möglicherweise bedeuten, den letzten Rest an persönlicher Integrität zu riskieren.

Lehrer sitzen am längeren Hebel

Lehrer, die ihre Macht offen oder verdeckt missbrauchen, sitzen zunächst einmal am längeren Hebel. Die Wut unterdrückter junger Menschen entlädt sich zumeist entweder im Außen – und zwar in Kontexten, in denen Macht scheinbar zurückerobert werden kann (als Stichpunkte seien hier genannt: Mobbing, „Ballerspiele“, Pausenhof, Auseinandersetzung mit „zu weichen“ Lehrern, mit jüngeren Geschwistern, mit harmoniesüchtigen Eltern) – oder aber im Innen, was nicht weniger destruktiv ist, jedoch gewisse „Vorteile“ birgt:

Leise und unauffällige Symptomträger werden weitestgehend in Ruhe gelassen, denn leise und unauffällige Schüler passen wunderbar in das Konzept Schule.

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Regeln und Grenzen – Konsequenzen einer entwürdigenden Erziehung

Noch immer erstarre ich, wenn ich auf Eltern und Pädagogen treffe, die mit trotzigem Blick verkünden, dass Kinder ganz viele Regeln und Grenzen bräuchten. Gerade in der Trotzphase würden sie auf Nasen tanzen, so sie nicht Konsequenzen für Regelverstöße und Grenzüberschreitungen erführen. Mir wird angesichts solcher Ansprachen kalt und das gehorsame Kind in mir winselt: „Jawoll! Tut mir leid. Ich bekenne mich schuldig.“

Existentielle Konflikte

Kinder, die an der Seite von Eltern aufwachsen, die meinen, dass die Qualität des Elternseins über die Anzahl der Regeln und Grenzen zu bemessen sei, geraten auf Dauer in einen existentiellen Konflikt.

Existentielle Konflikte zeichnen sich dadurch aus, dass sie Schaden anrichten auf der Ebene des Selbstwertgefühls. Die Wahrnehmung des jungen Menschen, nur unter bestimmten Bedingungen geliebt zu werden, wird zu einem das Selbstbild bestimmenden Motiv mit Langzeitwirkung. Wer erlebt hat, dass die ersten Liebesbeziehungen geprägt waren von Bedrohungen, Grenzüberschreitungen und Bedingungen, wird sehr wahrscheinlich als Erwachsener von einem Liebeskonzept durchdrungen sein, dessen Antriebselemente Angst, Schuld, schlechtes Gewissen und „Vertragsbedingungen“ lauten.

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Beziehungen – Was wir und (unsere) Kinder brauchen

Wie geht es dir in und mit Beziehungen?

Willst DU verhört oder belehrt werden? Wirst DU offen für die Meinung anderer Menschen, wenn sie dir mit Regeln und Grenzen kommen? Hältst DU dich an Vereinbarungen, die keine sind? Erzählst DU (auch weiterhin) von dir und deinen Gefühlen, wenn du zu hören bekommst, dass du dir deine Angst oder deine Wut nur einbildest? Fühlst DU dich angenommen, wenn dein Gegenüber nicht zuhört und stattdessen argumentiert? Freust DU dich über Gesprächspartner, die dich von oben herab behandeln? Erlebst DU dich als Subjekt, wenn dir jemand mit Methoden oder Gesprächstechniken kommt? Zeigst DU dich von deiner verletzlichen Seite, wenn du ständig zu hören bekommst, was du alles falsch machst? Brauchst du Fleißbienchen, Schneckenpokale oder Stempel als Rückmeldungen?

Nein?

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Was brauchst DU in Beziehungen?

Dann nimm dein „Nein“ in die Arme und frag dich, was DU brauchst, um im Zusammenleben mit anderen Menschen zu wachsen. Schreib deine Gedanken dazu auf und prüfe, ob du in deinem Alltag bekommst, was du brauchst. Beobachte außerdem, ob du persönliche Verantwortung für deine Bedürfnisse übernimmst. Frag dich, ob du offen aussprichst, was du von deinen Mitmenschen brauchst oder ob du von ihnen erwartest, dass sie deine Bedürfnisse automatisch erspüren und befriedigen.

Die Königsdisziplin der Selbstreflexion

Kommen wir nun zur „Königsdisziplin der Selbstreflexion“…

Du bist Mutter / Vater oder Lehrer? Dann mach` dir Folgendes klar:
Das, was DU im zwischenmenschlichen Miteinander brauchst, braucht auch dein Kind bzw. dein Schüler.

„Ja, aber…!“

Nein, das ist nichts anderes. Es sei denn, du gehst davon aus, dass Kinder / Schüler NICHT gleichwertig sind.

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN


Wenn du ein echtes Interesse daran hast, vor dem Hintergrund DEINER Bedürfnisse und Erfahrungen zu wachsen – was wiederum die Voraussetzung ist, um die Qualität der Beziehungen im Außen zu erhöhen – bist du ganz herzlich eingeladen, meine Familienakademie zu deiner Familienakademie zu machen.
Übrigens: Ab dem 20.01. startet mein siebenwöchiger Kurs zum Thema „Meine Familie – Vom bedrückenden Ideal zum lebendigen Original“. Die Teilnahme am Kurs ist in der Mitgliedschaft enthalten!

Hier geht`s lang zur Familienakademie

Erziehung – Was ist das eigentlich?

„Fang` mal an, dein Kind richtig zu erziehen!“ Ein Satz, der gegenwärtig wie ein Fallbeil durch etliche Räume und Köpfe schwirrt. Täglich werden Eltern konfrontiert mit „gut gemeinten“ Erziehungsmethoden und Horrorszenarien. Zu Erziehungsberatern schwingen sich auf wahlweise Großeltern, Freunde, Nachbarn, Ex-Partner, Experten, Pädagogen oder ein Herr Langer, der in dem Film „Elternschule“ mit promoviertem Grinsen Kinder zum Erstarren und Funktionieren bringt.

„Okay, wenn es anders nicht geht!“, resümieren nicht wenige verzweifelte Eltern heute, um dann – vollgepumpt mit Erziehungs-Adrenalin und Erziehungsideen – auf Kosten von Bauchgefühlen, Selbstwert, Beziehungsqualität, Vertrauen und Energie durch die Gegend zu erziehen.

Der Preis des Ungehorsams

Gerade jene Eltern jedoch, die Unsicherheit in Mut umwandeln können und nicht blindlings in das Erziehungs-Horn blasen, fragen nach, begehren auf, suchen nach Alternativen. Ihnen müsste man Preise für Zivilcourage verleihen. In einer Welt jedoch, die noch immer durchdrungen ist von der Idee des Gehorsams, bekommen Eltern, die eigene Wege beschreiten und Kinder als gleichwürdige Wesen sehen, nicht etwa Preise verliehen. Nein, ähnlich wie auch ihre Kinder zahlen sie für ihren Ungehorsam einen hohen Preis. Sie werden – zum Beispiel seitens der Schule – an den Pranger gestellt und unter Androhung von Konsequenzen zum Therapeutenbesuch verpflichtet.

Was mich wirklich wundert, ist, dass selten der Frage nachgegangen wird, was Erziehung eigentlich ist?

Die klassische Erziehung

Für die meisten Menschen bedeutet Erziehung, dass die Erwachsenen Ansagen machen (müssen) und Kinder / Jugendliche zu folgen haben. Wenn nicht, dann…! Der Ablaufplan folgt einem gleichbleibenden Prinzip: Eltern stellen klare Regeln und Grenzen auf, befestigen unterschriebene Vereinbarungen an Kühlschranktüren und drohen mit Konsequenzen für ungebührliches Verhalten. Und ganz wichtig (man stammt ja nicht aus der Steinzeit): Eltern sollten viel loben und belohnen. Schließlich müssen die Kleinen unbedingt darin bestärkt werden, sich „richtig“ zu verhalten.

Die Suche nach dem heiligen Erziehungs-Gral hat (mal wieder) Hochkonjunktur. In etlichen Veröffentlichungen, Elternabenden und (informellen) Beratungsgesprächen wird appelliert an die Umsetzung des uns allen bekannten „Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzips“. Kindern, die auf Nasen herumtanzen, die Weltherrschaft an sich reißen, tyrannisieren, herumtrotzen, „Nein!“ sagen, laut sind, zu Wutausbrüchen neigen, sich zurückziehen, in der Schule auffällig werden, über Stunden vor dem Rechner sitzen, nicht mehr mitmachen, sich nichts sagen lassen, herumzappeln, Zähne vernachlässigen oder dem Lehrer die kalte Schulter zeigen, muss unbedingt Einhalt geboten werden.

Und wie? Ganz klar: Durch Erziehung!

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Wenn junge Menschen zu Problemen gemacht werden…

Ja, und? Wo liegt das Problem? Das Problem ist, dass Kinder / Jugendliche gerade dadurch Probleme bekommen, dass sie ständig zu Problemen und Erziehungs-Objekten gemacht werden. Wer heute jung ist, mag vielleicht eine PS4 in seinem Zimmer stehen haben. Jedoch wachsen unzählige junge Menschen heute auf mit der Erfahrung, dass sie falsch, unzureichend und eine Belastung sind. Permanent bekommen sie zu hören, dass sie anders sein sollten. DAS erzieht! Mit der Rute werden sie (eher) nicht mehr verdroschen, dafür aber mit Worten, Liebesentzug, Gewissensbissen, modern anmutenden Erziehungsmethoden. Jeden Tag treffen sie auf Erwachsene, die mindestens insgeheim denken: „Wir wünschen uns andere Kinder und Jugendliche.“

Unsere Grundhaltung gegenüber jungen Menschen hat sich in den letzten Jahren nicht wirklich weiterentwickelt:

„Wir entscheiden, wie ihr zu sein habt und wenn ihr nicht unseren Bildern entsprecht, müssen wir eure Grenzen verletzen. Insbesondere dann, wenn ihr unsere Grenzen verletzt.“

Das „Prinzip Konsequenzen“

Die klassische Erziehung mag vielleicht kurzfristig einen Effekt und Auswirkungen auf das Verhalten junger Menschen haben. Wenn man allerdings schon das „Prinzip Konsequenzen“ predigt, sollte man bitte auch konsequent genug sein, um die möglichen Konsequenzen einer auf Entwürdigung basierenden Erziehungsidee aufzuzeigen.

Erziehung (im traditionellen Sinne) schwächt das Selbstwertgefühl, die Beziehungen, das Potential zur persönlichen und sozialen Verantwortungsübernahme, die Fähigkeit zur (Selbst-) Empathie, das Ur-Vertrauen, den gesamten Energiehaushalt.

Erziehung ist das, was vorgelebt wird…

Erziehung ist weniger das, was Erwachsene sagen und einfordern. Erziehung ist das, was sie wie vorleben. Kinder und Jugendliche verhalten sich immer zu dem, was ihnen von den Erwachsenen gewollt und ungewollt vorgelebt und mitgeteilt wird. Sowohl in der Familie als auch in der Schule verhalten sich junge Menschen nicht „nur“ zum gesprochenen Wort. Sie verhalten sich stets zu Stimmungen, zu Mustern, zu Blicken, zum Unausgesprochenem, zu Handlungswerten. Eine Schule kann noch so oft die Schauwerte „Vertrauen und Verantwortung“ im Konzept stehen haben. Wenn Misstrauen und Verantwortungslosigkeit den Alltag ausmachen, kooperieren Schüler mit Misstrauen und Verantwortungslosigkeit.

Sollen Lehrer erziehen?

Die Frage, ob Lehrer erziehen sollen oder nicht, ist komplett irreführend und Ausdruck einer schultypischen Verantwortungslosigkeit. Lehrer können nicht nicht erziehen. Kinder / Schüler kooperieren immer. Sie kooperieren nicht nach dem Prinzip einer Computertastatur (ich drücke willentlich den Buchstaben A und auf dem Bildschirm erscheint der Buchstabe A…) Sie kooperieren auf eine sehr individuelle Weise mit dem, was bei ihnen wie ankommt. Unabhängig davon, ob die Erwachsenen entschieden haben, ob genau DAS bei ihnen ankommt.

Eltern und Lehrer müssen sich heute fragen, was Kinder bzw. Schüler mit auf ihren Weg bekommen, wenn diese ständig beschuldigt, beschämt, ab- und bewertet, ausgeschlossen, angetrieben, verletzt, gelobt, kategorisiert, missachtet, verängstigt, bedroht, erzogen werden.

Unfassbar viele Kinder und Jugendliche entwickeln heute Symptome, weil sie einer integritätsverletzenden Erziehung durch Eltern und Pädagogen ausgesetzt sind. Über Symptome (unwillkürliche Lösungsversuche) kommunizieren junge Menschen, dass sie etwas anderes brauchen als das Bisherige. Sie brauchen keine (klassische) Erziehung. Sie brauchen gleichwürdige Beziehungen.

Umgang mit Symptomen

Wenn jedoch Erwachsene meinen, die Symptome junger Menschen über (noch mehr) Regeln, Grenzen und Konsequenzen eliminieren zu können, werden sie – wenn auch ungewollt – die existentiellen Probleme derer verstärken, die sich über Symptome mitzuteilen versuchen. Dabei ist es vollkommen unerheblich, ob Regeln neuerdings Rituale heißen, Grenzen mit einer Schleife versehen werden oder Strafen in Konsequenzen umgetauft werden.

Wer als Erwachsener der Meinung ist, man könne, dürfe und müsse die Integrität von Kindern verletzen, um sie ruhig- bzw. wieder richtig einzustellen, hat offensichtlich vergessen (oder nie erfahren), dass auch junge Menschen Grenzen, Bedürfnisse und Gefühle haben. Dass manche Eltern (und Lehrer) dazu neigen, Kinder über Regeln und Grenzen zu entwürdigen, ist schlimm genug. Wenn gleichwohl „Experten“ zu verunsicherten und ermüdeten Eltern sagen, dass es wichtig sei, über Kinder zu herrschen, wird es Zeit, den Mund aufzumachen bzw. das Gespräch abzubrechen.

Gleichwürdigkeit ist nicht Unterwürfigkeit…

Die Integrität junger Menschen zu respektieren, heißt im Übrigen nicht, sich zum Spielball von Kindern oder Jugendlichen zu machen. Gleichwürdigkeit ist nicht Unterwürfigkeit.

Gleichwürdigkeit ist eine Liebeserklärung an unser aller Individualität. Viele Menschen fragen, wie denn das „mit der Gleichwürdigkeit“ in der Beziehung zu Kindern und Jugendlichen aussehen kann. Diese Frage ist nicht nur okay. Diese Frage ist absolut sinnvoll und folgerichtig. Schließlich haben die wenigsten Erwachsenen in der eigenen Kindheit und Jugend gleichwürdige Beziehungen mit Erwachsenen erlebt.


In meiner Familienakademie arbeite ich mit Eltern zusammen, die sich dazu entschieden haben, sich aktiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie sie mit ihren Kindern in einen gleichwürdigen Kontakt kommen können. Dieser Prozess erfordert das Wagnis, sich mit sich selbst näher bekannt zu machen.

Bis zum Jahresende kannst du Mitglied werden für 19.90 € im Monat. Im Preis enthalten sind Elternabende, Impuls-Videos, Austausch in geschlossener Gruppe, Expertengespräche.

In 2020 wird es außerdem geben einen Online-Kongress und einen siebenwöchigen Kurs.

Ab dem 01.01.2020 werde ich die Beiträge für NEUE (!) Mitglieder in meiner Familienakdemie deutlich erhöhen…

Meine Empfehlung: Jetzt anmelden für den (noch) sehr geringen Startpreis! 60 Tage Rückgabe-Garantie… 

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Depressionen

Depressionen – Wenn Menschen lernen, sich selbst zu unterdrücken

Immer mehr junge Menschen leiden unter Depressionen. Warum? Fehlt es ihnen an der „richtigen“ Einstellung. Mangelt es ihnen an „Regeln und Grenzen“? Sind sie zu wenig belastbar? Nein. Sie werden deprimiert (deprimere: u.a. niederdrücken), lernen am Vorbild, sich selbst zu deprimieren und entwickeln deprimierende Verhaltensweisen, um Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle zu betäuben.

Depressionen sind das Ergebnis einer Erziehung, die Menschen verpflichtet, „Nein“ zu sich selbst zu sagen. Wer sich selbst verneinen muss, um nicht verstoßen zu werden, verliert auf Dauer die Fähigkeit, mit einem guten Gewissen „Ich will…“, „Ich will nicht…“  oder „Lass das!“ zu sagen. Deprimierte Menschen sind kaum mehr in der Lage, auf das zuzugehen, was sie brauchen, von dem wegzukommen, was schadet und gegen das anzugehen, was ihre Integrität verletzt.

Mit anderen Worten: Depressionen sind das Ergebnis eines Aufwachsens, in dessen Verlauf Menschen von ihren Aggressionen getrennt wurden (adgredi: Hingehen, sich annähern, ansprechen, Geschäfte anpacken, Feinde angreifen..).

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Kinder sind kompetent, bis…

Niemand kommt mit Depressionen auf die Welt. Kinder sind von Geburt an kompetent darin, Bedürfnisse zu kommunizieren (Schreien), Sättigung anzuzeigen (Kopf wegdrehen) und die eigenen Grenzen mitzuteilen (Beißen). Wer in seiner Familie und später in der Schule zur Überanpassung und zum Stillhalten verpflichtet wird, lernt vielleicht, sich zu benehmen und Beachtungs-Vertragsbedingungen zu erfüllen. Die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl jedoch sind fatal.

Gäbe es einen Beipackzettel für eine Erziehung und Pädagogik, die darauf abzielt, Menschen ruhig zu stellen und normal zu machen, müsste auf diesem stehen:

„Es ist mit Nebenwirkungen zu rechnen, zum Beispiel mit Depressionen und fehlender Selbstliebe.“

Ein gesundes Selbstwertgefühl – Sich nüchtern anerkennen können

Sich möglichst nüchtern anerkennen zu können, macht ein gesundes Selbstwertgefühl aus: „Na ja gut, meine Nase ist ziemlich groß, diese Falte war gestern auch noch nicht da und zehn Kilogramm weniger wären auch nicht so schlecht. Aber was soll`s. So wie ich bin, bin ich okay.“

Wer sich nicht nüchtern annehmen kann, ist angewiesen auf Überlebensstrategien, um sich besser ertragen zu können. Manche Menschen konsumieren übermäßig viel Alkohol. Andere versuchen, sich über Leistungen zu spüren und aufzuwerten.

Schulen: Spiegelbilder und Erzeuger eines kollektiven instabilen Selbstwertgfühls

Ich denke, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft ein massives Problem auf der Ebene des Selbstwertgefühls haben und unsere Schulen sowohl Spiegelbilder als auch Miterzeuger eines kollektiven instabilen Selbstwertgefühls sind. Die meisten Kinder werden groß in Umgebungen, in denen Fach- und Anpassungsleistungen darüber entscheiden, ob sie dazugehören und „richtig“ sind.

Zwar führen viele Menschen nach Beendigung ihrer Schullaufbahn ein pflichtbewusstes und nach ökonomischen Maßstäben erfolgreiches Leben. Jedoch stehen sie – so zumindest lautet meine Überzeugung – nicht in Kontakt mit ihrem Wesen und ihrem wesensgemäßen Potential. Das Erbringen von Leistungen mitsamt der Hoffnung, für das Vollbrachte wertgeschätzt zu werden, wird zum Synonym für persönliche Weiterentwicklung und sinnvolles Leben.

In der Theorie mag es ein Leichtes sein, zu unterscheiden zwischen der Ebene des Selbstwertgefühls und der Ebene der Leistungen (Selbstvertrauen). In der Praxis jedoch – und das weiß jeder, der getrieben wird von der Idee, sich seinen Wert verdienen zu müssen – verkrümelt sich all unser Theoriedenken schnell wieder im Bücherschrank.

Mein Wert = Meine Leistungen

Ein Kind, das ständig verglichen, bewertet, motiviert, korrigiert wird, stellt irgendwann die Gleichung auf: Mein Wert = Meine Leistungen. In der Welt eines neunjährigen Kindes ist die Fachnote Fünf niemals eine reine Fachnote. Es bezieht die Note vollautomatisch auf sich. Als Mensch. Es denkt nicht: „Ich habe eine Fünf in Mathematik.“ Es denkt: „Ich bin eine Fünf!“

Man könnte nun meinen, dass Berichtszeugnisse eine Alternative zur traditionellen Benotung seien. Jedoch müssen wir wissen, dass Berichtszeugnisse im Grunde genommen auch Notenzeugnisse sind – nur eben anders. Außerdem sind sie nach meiner Erfahrung nicht selten ein Sammelbecken für Formulierungen, die mit den eigentlichen Fachleistungen (und mit dem Auftrag der Lehrer) nichts zu tun haben.

Sätze, wie zum Beispiel „Du bist zu faul!“, „Du strengst dich nicht genügend an!“ oder „Du bist immer abgelenkt!“ sind genauso „normal“ wie anmaßend, generalisierend, abwertend und unprofessionell. Denn abgesehen davon, dass kein Mensch auf diesem Planeten „IMMER abgelenkt“ ist, wüsste ich nicht, in welcher Ausbildungsphase und vor welchem theoretischen Hintergrund Lehrer befähigt wurden und werden, die Einschätzung „Du strengst dich nicht genügend an“ vornehmen zu dürfen.

Das große „JA“ – Was Eltern tun können

Menschen, die zur Überkooperation verpflichtet werden und sich schließlich zur Überkooperation verpflichtet fühlen, deprimieren sich irgendwann selbst. Unwillkürlich schaffen sie den häufigsten Grund für (spätere) Therapien: Unterdrückung der Lebenskraft (vgl. Lance Secreten: Inspirieren statt Motivieren).

Unser Dasein und unseren Wert können wir uns nicht verdienen. Wir sind nicht richtig und wir sind nicht falsch. Wir sind. Wir sind human beings und nicht human doings.

Was können Eltern tun, um das Selbstwertgefühl ihres Kindes zu stärken? Um diese Frage zu beantworten, kann man auf einer sehr theoretischen und sehr abstarkten Ebene nachdenken und (neue) Gedankengebäude errichten.

Ich möchte stattdessen ein Bild anbieten:

Wenn dein Kind am Morgen mit vierzehn Kuscheltieren im Arm in die Küche wankt, braucht es drei Dinge:

  1. Einen kalten Kakao
  2. Eltern, aus deren Augen die Botschaft funkelt: „Schön, dass du da bist.“
  3. Eltern, die mit sich selbst einverstanden sind.

Zusammenfassend kann man sagen: Kinder brauchen das große „JA“ ihrer Eltern. Wer in sich selbst das große „JA“ spürt, wird nicht anfällig werden für Depressionen…

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Um seinem Kind das großes „JA“ mitzugeben, üben wir uns in meiner Familienakademie darin, „JA“ zu uns selbst zu sagen. 

Willste mitmachen 🙂 ? Dann los!

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Aggressionen bei KIndern - Wenn Lebensenergie unterbunden wird

Aggressionen bei Kindern – Wenn Lebensenergie unterbunden wird…

Unsere Aggressionen versetzen uns in die Lage, uns zu bewegen: Auf das zu, was wir brauchen. Weg von dem, was schadet. Gegen das, was Integrität bedroht.

Wir alle brauchen unsere Aggressionen, um zu lernen, um uns zu wehren, um uns durchzusetzen, um uns weiterzuentwickeln, um „Nein“ zu sagen, um destruktive Beziehungen zu beenden, um zu kündigen, um uns zu bewerben, um eine Ausbildung anzugehen, um „Willst du mich heiraten?“ zu sagen, um Widerspruch einzulegen, um unseren inneren Schweinehund zu besiegen, um ein Buch zu schreiben, um Geschäfte abzuwickeln, um Herausforderungen anzugehen, um zu gewinnen, um sich zu konfrontieren, um seine Bedürfnisse zu stillen.

Kurz: Wir brauchen unsere Aggressionen zum Leben. (Siehe u.a. Veröffentlichungen von Wolf Büntig)

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Aggressionen = Feindseligkeit?

Geschockt? Ich könnte es verstehen, weil viele von uns folgenden Zusammenhang gelernt haben: Aggressionen = Feindseligkeit. Der Umkehrschluss: Wir wollen keine Gewalt und deswegen wollen wir keine Aggressionen. Mit dieser anti-aggressiven Haltung unterbinden wir Lebensenergie. Sowohl unsere als auch die unserer Kinder beziehungsweise unserer Schüler

Ich denke, wir müssen uns sehr kritisch mit der Frage auseinandersetzen, was wir jungen Menschen wie vorleben und warum. Gerade in Bezug auf das Thema „Aggressionen“. Meine Überzeugung ist, dass allein deswegen so viele Kinder und Jugendliche zur externalisierten oder internalisierten Gewalt neigen, WEIL sie in Familien oder / und pädagogischen Einrichtungen aufwachsen, in denen sie stillgelegt werden. Übrigens nicht selten unter Zuhilfenahme zutiefst aggressiver Regeln, Grenzen und Konsequenzen.

Wer in jungen Jahren seiner Aggression beraubt wird, ist zur Passivität und Depression verdammt.

Lebensenergie „Aggression“

Während meiner Zeit als Student lebte ich mit Menschen zusammen, denen es unmöglich schien, „einfache“ Tätigkeiten auszuüben, wie zum Beispiel zum Einkaufen zu gehen, den Müll zu entsorgen, einen Brief zum Postamt zu bringen. „Das kann doch nicht so schwer sein“, dachte ich. Heute denke ich:

Für manche Menschen ist es aufgrund übernommener Kindergelübde und eingefleischter Überlebensstrategien geradezu unmöglich, sich aufzuraffen und Pläne umzusetzen. Ich glaube nicht, dass Menschen „einfach so“ faul sind. Ich denke eher, dass viele Menschen in ihrer Kindheit und Jugend gelernt haben, ihre Lebensenergie „Aggression“ auf den Standstreifen des Lebens abzustellen. Ihnen wurde die Fähigkeit des normalen, unauffälligen Nicht- beziehungsweise Liebseins antrainiert: „Du gehst in dein Zimmer und kommst erst raus, wenn du wieder brav bist!“

Und seitdem sitzen deprimierte Menschen antriebslos in Zimmern, vegetieren vor sich hin und machen sich dafür fertig, dass sie nicht die sind, die sie sein sollten. Wer von sich selbst entfremdet wurde, um den Bildern anderer zu entsprechen, verliert den Kontakt zu sich selbst.

Folgen einer anti-aggressiven Haltung

Manche ziehen sich zurück. Andere ziehen in den Krieg. Sie kämpfen an gegen Menschen, die sie an die eigene unterdrückte Lebendigkeit und an das eigene Opfersein erinnern.

Manchmal frage ich Eltern und Lehrer am Anfang einer Veranstaltung, was Kinder / Schüler in fünf, acht oder fünfzehn Jahren brauchen, um ein gutes Leben zu führen. Niemand sagt: „Binomische Formeln“ oder „Rechtschreibstrategien“. All das, was geäußert wird, bezieht sich im weitesten Sinne auf die Fähigkeit, persönliche und soziale Verantwortung zu übernehmen.
Sind Binomische Formeln und Rechtschreibstrategien deswegen unwichtig? Nicht zwangsläufig, nur beziehen sich Fachkompetenzen auf eine komplett andere Ebene.

Die Übernahme persönlicher und sozialer Verantwortung ist mit einer „anti-aggressiven“ Grundhaltung nicht möglich. Wenn uns die psychosoziale Gesundheit unserer Kinder / Schüler am Herzen liegt, müssen wir ihnen zugestehen, sich mit ihren Aggressionen bekannt zu machen.

Und das fängt meiner Ansicht nach an der Stelle an, an der wir jungen Menschen zugestehen, wütend, traurig, unzufrieden oder ängstlich zu sein. Sie brauchen von uns die Einladung, etwas anderes zu wollen als wir. Die Chance, sich an uns zu reiben. Viele Möglichkeiten, sich zu bewegen, sich auszuprobieren, „Nein“ sagen zu üben.

Aggressionsprobleme

Und ich möchte gerne betonen, dass der Umstand, dass sich Kinder im Sandkasten eben auch mal mit der Schaufel auf den Kopf hauen, nicht gleichbedeutend ist mit: „Der 3.Weltkrieg naht“.

Ich sage nicht, dass wir uns als Eltern oder Pädagogen dem Willen unserer Kinder / Schüler unterwerfen sollen und alles durchwinken müssen! Bloß nicht. Mir ist wichtig, dass WIR UNSERE Haltung zum Thema „Aggressionen“ überprüfen, anstatt auffällig gewordene Kinder / Jugendliche an den Pranger zu stellen oder in „Anti-Aggressions-Projekte“ zu stecken.

Ja, viele Kinder und Jugendliche haben heute Aggressionsprobleme. Jedoch nicht unbedingt in dem Sinne, wie Aggressionsprobleme heute oft definiert werden. Unzählige Kinder und Jugendliche (und Erwachsene) legen allein deswegen ein aggressives Verhalten an den Tag, weil ihre Aggressionen mit Hilfe aggressiver Regeln, Konsequenzen, Strafandrohungen und Gewissensbisse unterdrückt werden bzw. wurden.

Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme, fehlende Motivation

Das Potential, sich für etwas zu motivieren, etwas „in Angriff zu nehmen“, ist jedem Menschen eingegeben und wird am Vorbild entdeckt. Wenn dieses Potential im Bildungs- und Erziehungs-Ödland verkümmert, weil Regeln, Grenzen, Konsequenzen, Erziehungskonzepte und Lehrpläne Individualität und Lebendigkeit unterdrücken, sind Symptome wie zum Beispiel Aufmerksamkeitsstörungen, Konzentrationsprobleme oder fehlende Motivation die Folge.

Wenn sich ein Kind (scheinbar) nicht motivieren kann, permanent stört oder Fluchttendenzen entwickelt, müssen wir davon ausgehen, dass der Zugang zum Eigenen und zu den natürlichen Aggressionen durch äußere Einflussnahme gestört ist. Der Versuch, junge Menschen von außen zu motivieren und in ihrem Sosein zu unterbinden, ist ein zutiefst aggressiver Akt und zwingt die Unterdrückten geradezu, ihre Restenergie darauf zu verwenden, sich zu verteidigen.

Und wer sich verteidigen muss, kann sich schon mal gar nicht auf irgendeinen Zahlenraum einlassen…


Nutze deine Aggressionen und werde Mitglied in der Familienakademie 🙂 Ich begleite Eltern, die neben vielen anderen Anliegen, ein Interesse haben, sich mit ihren Aggressionen auszusöhnen. Auch gehen wir der Frage nach, was wir tun können, wenn mit uns oder unsere Kindern mal wieder der Gaul durchgeht…

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Liebe Grüße, Andreas Reinke
INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Selbstwertgefühl durch Einfühlungsvermögen

Selbstwertgefühl durch Einfühlungsvermögen

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten. Geschichten, die mich packen, durch den Fleischwolf drehen, mich nachdenklich stimmen, aufregen, ermutigen, besänftigen, motivieren, belustigen, traurig machen, erinnern.

Wer hat nicht schon während einer Buchlektüre die Nahrungsaufnahme verweigert oder im Kino Rotz und Wasser geflennt? Wer hat nicht schon Erwachsene erlebt, die im Alltag die emotionale Flexibilität einer Gabel zu haben scheinen und plötzlich Tränen tupfen, weil sie auf Netflix absorbiert werden von einer Liebesgeschichte oder einer Tragödie? Und mal unter uns: Wer hat nicht schon mit seinem Kind Filme wie Bambi, E.T. oder Ostwind angesehen, um die eigenen trüben Augen allein dadurch zu erklären, dass man nur „etwas müde“ sei?

Gute Geschichten berühren und verbinden uns. Sie bringen uns in Kontakt mit uns, unseren Erfahrungen, unserem Humor, unserer Trauer, unserer Wut, unseren Träumen, Wünschen, Emotionen, Bedürfnissen, unserer Empathie, unserem Einfühlungsvermögen. Sie stärken unser Gefühl für uns und für andere. Im Sog einer guten Geschichte werden wir zu anderen und sind doch mehr ICH als je zuvor

Ein gesundes Selbstwertgefühl: Alle Gefühle in mir dürfen da sein!

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten. Sie lassen uns spüren, nehmen uns mit, machen uns reich. In uns allen gibt es dieses besondere Vermögen. Das Vermögen, sich einzufühlen. In uns. In andere. In das, was zwischen den Menschen liegt. Unser Einfühlungsvermögen ist ein Schatz, der darauf wartet, von uns und mit anderen entdeckt und gehoben zu werden. Geschichten, die ans Herz gehen, öffnen uns und erinnern uns an uns selbst. Sie sind eine Einladung zum Ich und zum WIR. Sie stärken unser Selbstwertgefühl UND unser Gemeinschaftsgefühl.

Regelmäßig fragen mich Eltern: „Was können wir als Eltern tun, um das Selbstwertgefühl unserer Kinder zu stärken?“

Eltern können zum Beispiel mit ihnen Geschichten erleben, lesen, anschauen, schreiben, erfinden, verarbeiten. Kinder entwickeln dann ein gesundes Selbstwertgefühl, wenn sie an der Seite von einfühlsamen Eltern fühlen dürfen, ohne ständig umsorgt, abgelenkt oder „korrigiert“ zu werden. Eltern mit Einfühlungsvermögen unterscheiden nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Gefühlen. Für sie gehören alle Gefühle dazu: Trauer, Freude, Liebe, Angst, Wut.

Gute Geschichten sind „Fühl-Geschichten“. Sie ermöglichen die so wichtige Lebenserfahrung: Alle Gefühle in mir dürfen da sein.

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Die Erfahrung des „Nicht-Seins“

Und wenn mein Kind ängstlich ist, weil es sich um das Huhn sorgt, das in der Geschichte mit dem „bösen“ Fuchs Gefahr läuft, von eben diesem gefressen zu werden, sage ich nicht: „Ach, mach dir mal keine Sorgen. Ist doch nur eine Geschichte. Vielleicht wird der Fuchs ja auch spontan zum Vegetarier.“ Ich sage entweder gar nichts (und nehme mein Kind empathisch in den Arm) oder ich sage: „Oh ja, das kann ich gut verstehen, dass du dir Sorgen um das Huhn machst.“

Wenn mein Kind wütend ist, weil der Zauberer nichts Gutes im Schilde führt, IST es wütend. Wenn mein Kind traurig ist, weil die kleine Prinzessin ihre Eltern vermisst, IST es traurig. Und wenn sich mein Kind freut, weil die Katzen am Ende des Films eine wilde Party feiern, IST es voller Freude. Zu viele Kinder machen heute die Erfahrung des „Nicht-SEINS“. Sie dürfen nicht wütend SEIN. Sie dürfen nicht ungeduldig SEIN. Sie dürfen nicht überschwänglich SEIN…

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten. Sie nehmen uns mit in fremde Welten…

Digitale Welt

„Ja, aber da gibt es ja auch noch die digitale Welt! Wie gehen wir damit um, wenn wir feststellen, dass unser Kind von den Geschichten seiner PS4-Helden geradezu verschlungen wird?“

Möglichkeit 1: Erziehung, Regeln, Stecker ziehen, Familienkrieg, Beratungsstellen aufsuchen, Psychologen konsultieren, Medienpädagogen befragen…

Möglichkeit 2: Wir schauen unser Kind freundlich an und sagen: „Erzähl` mal, was du heute in deiner Welt erlebt hast und wie es dir dabei erging.“

Auch in der digitalen Welt erleben und schreiben junge Menschen Geschichten und ich werde nicht müde, Eltern zu empfehlen, sich vielleicht eher für das zu interessieren, was ihre Kinder an den Bildschirmen tun, denken und fühlen, anstatt ständig den Teufel an die Wand zu malen oder „Regeln zum kompetenten Umgang mit den neuen Medien“ an die Kühlschranktür zu heften.

Ist es für Kinder und Jugendliche per se gefährlich ist, wenn sie über Stunden Minecraft, Fortnite oder Assassins Creed spielen? Nein, der Meinung bin ich überhaupt nicht. Das Ab- und Eintauchen in fremde Welten wird erst dann gefährlich, wenn es den Ab- und Eingetauchten an einem gesunden Selbstwertgefühl fehlt und sie DESWEGEN untergehen.

Ich bin davon überzeugt, dass Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl keinen Schaden nehmen, wenn sie vierzehn Stunden am Tag Lara Croft spielen (oder Bücher lesen).

Ein stabiles Selbstwertgefühl ist die Basis…

Ein gesundes Selbstwertgefühl ist die Basis, um zum Gestalter der eigenen Lebensgeschichte zu werden. Ob Kinder aus ihrer eigenen Geschichte eine Liebesgeschichte machen oder ein Drama, hängt nicht zuletzt davon ab, ob Eltern einfühlsam, achtsam und anerkennend in Beziehung gehen können. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie so, wie sie sind, okay sind.

Bedingungslos.

Dann werden sie das nächste Level schon packen.

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten…

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Ich möchte dich einladen an einen „geschichtsträchtigen“ Ort. In der Familienakademie triffst du auf Menschen mit viel Einfühlungsvermögen und einem Rucksack voller guter, bewegender, inspirierender Geschichten. 

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Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN