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Eltern unter Stress – Zufriedenheit durch Unzufriedenheit…

„Wie geht es dir?“, fragt eine Mutter die andere. „Muss ja“, antwortet die Gefragte gleichzeitig gestresst und einverstanden. Und während auf ihrer Stirn Sorgenfalten Platz nehmen, verkünden Mundwinkel Stolz. „Kenn ich“, entgegnet Mutter 1 mit leicht zornigem Blick, „aber zumindest hast du keinen Hund.“

Stress – Ein Qualitätsmerkmal?

Das neue Qualitätsmerkmal der Erwachsenen: Nur der, der am Ende des Tages mit hängender Zunge auf dem Sofa liegt und kurzatmig das Unerreichte beklagt, darf mit sich und der Welt im Reinen sein. Zufriedenheit durch Unzufriedenheit. Wem es noch gut geht, geht es wohl noch zu gut. Und wehe dem, der ein Kind zu Hause hat, das entspannt „in den Tag hineinlebt“. Da kann man schon mal aus der Haut fahren…

Ich denke, dass wir, die wir ständig über Stress und „tyrannische Kinder“ jammern, sehr ehrlich mit uns und unseren verinnerlichten und Selbst(ab)wert(ungs)-Konzepten umgehen müssen. Ja, wir leben heutzutage in Umgebungen und Strukturen, die nicht gerade zum federleichten (Familien-) Leben einladen. Und natürlich müssen wir nicht unbedingt „Hurra!“ rufen, wenn sich unsere Kinder verhalten wie die Maden im Speck. Vor allen Dingen dann nicht, wenn sie die Maden sind und wir der Speck.

Verantwortung statt Ohnmacht

Nur, was wollen wir machen? Wollen wir uns schon wieder beschweren? Und wenn ja, bei wem denn überhaupt? Bei unseren Kindern? Bei „denen da oben“? Beim lieben Gott? Es gibt nur eine Alternative zur Ohnmacht und diese lautet: Verantwortung.

In Bezug auf das Thema „Stress“ dürfen wir uns also fragen – und zwar wertschätzend: „Was ist unser Anteil?“

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Zunächst einmal müssen wir wissen, dass lediglich ein Zusammenwirken aus äußeren UND inneren Stressoren dazu führen kann, dass Menschen gegen die Stress-Wand fahren und schließlich im Burnout zum Erliegen kommen. Ich wiederhole. Die Arbeitskontexte sind heute für viele Menschen das, was vor Urzeiten der Säbelzahntiger war: Übermächtig, beängstigend, gefräßig. Und ich weiß aus eigener Erfahrung als Lehrer, dass es unsagbar herausfordernd sein kann, in einem Arbeitsumfeld „bei sich“ zu bleiben bzw. sich nicht verrückt machen zu lassen, das auf Selbstaufgabe setzt und Menschen zu Objekten macht.

Ich bin nicht allmächtig und ich bin nicht ohnmächtig

Dennoch oder gerade deswegen: Wir tragen die Verantwortung! Für die Art, wie wir mit den Umständen umgehen. Für das, was in uns ist. Für das, was wir unseren Kindern vorleben. Für das, was zwischen uns und unseren Kindern passiert. Und eine gesunde Verantwortungsübernahme kann nur dort gedeihen, wo klar ist: Ich bin nicht allmächtig und ich bin nicht ohnmächtig.

Viele Eltern – insbesondere Mütter – werden unwillkürlich (!) angetrieben von eingefleischten und impliziten Kindergelübden. Sie geben sich in ihrem Elternsein geradezu auf, um sich wertvoll zu fühlen. Gelernt haben sie, sich selbst nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Liebe – so schreiben es die inneren Antreiber vor – ist eine Form der Dienstleistung und „Ich will…“ ist im Urlaub. Und bitte: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Übersät mit Gewissensbissen dienen sie ihrem Konzept der Fleißbienchen. Genugtuung? Nein, denn: „Du hast nicht und nie genug getan!“

Den Akku aufladen

Eine verzweifelte Mutter kommt in meine Elternberatung und will wissen, was sie mit ihrem Sohn machen kann, der sehr fordernd ist und kein Gespür zu haben scheint für ihre persönlichen Grenzen. Wir reden eine Weile und nach einer Gesprächspause frage ich sie, ob sie sich auch mal Auszeiten nimmt. „Natürlich“, entgegnet sie geradezu empört. Ich möchte gerne erfahren, wie und wann sie ihren Akku wieder auflädt. Sie: „Samstags ist meine Zeit. Immer vormittags werde ich von meinem Kind in Ruhe gelassen.“ Auf die Frage, was sie denn am Samstagvormittag mache, dass sie sich eine Auszeit nehmen könne, sagt sie: „Putzen!“

Im weiteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass die Mutter nicht deswegen putzt, weil Putzen zu ihren liebsten Freizeitaktivitäten gehört. Putzen hat in dieser Familie schlicht und ergreifend eine unumstößliche Autorität. Das heißt: Putzen ist wichtig. Sehr wichtig. So richtig, richtig wichtig. Beim Putzen stört man nicht. Wenn allerdings die Mutter ein Buch lesen will, wird sie von ihrem Sohn nicht in Ruhe gelassen.

Wechselwirkungen und Stress

Wir fassen also zusammen: Das Problem ist ein „unmögliches“ Kind, das über Erziehung und Reglementierungen zum Respekt erzogen werden muss.

Nein.

Nächster Erklärungsversuch: Das Problem ist eine Mutter, die einfach ein bisschen doof ist und ganz klar in die Kategorie „Helikoptereltern“ gehört.

Nein.

Das Problem ist: Wenn Elternliebe (im Übrigen auch Nächstenliebe) verstanden wird als der Auftrag, sich selbst schlecht zu behandeln, entstehen in engen Beziehungen destruktive und stressverursachende Wechselwirkungen. Auf allen Seiten. Mama gibt sich auf, Sohnemann verhält sich wie ein Parasit UND fühlt sich verantwortlich und schlecht.

Kooperation – Vorleben ist Erziehung

Kooperation heißt, dass sich unsere Kinder zu uns verhalten. Immer. Sie verhalten sich zu der Art, wie wir leben. Sie verhalten sich dazu, wie wir essen, wie wir arbeiten, wie wir denken, fühlen, handeln. Sie verhalten sich dazu, wie wir mit uns und unseren Grenzen, Bedürfnissen und Werten umgehen. Und sie verhalten sich zu unserem Stress. Unser Vorleben ist Erziehung. Alles andere ist vielleicht nett gemeint.

Eltern, die sich vor dem Hintergrund ihrer Wertsteigerungsprogramme („Ich leiste, also bin ich…“) und Liebeskonzepte („Liebe ist eine Dienstleistung und muss man sich verdienen…“) aufgeben, sind kein Geschenk. Sie sind eine Überforderung. Für sich selbst und für ihre Kinder.

Ich kenne Eltern, die froh sind, wenn das Wochenende endlich vorüber ist. Für sie sind Wochenenden eine Qual. Sie verbringen ihre Freizeit nicht etwa damit, sich dem „köstlichen Nichts“ und dem Wohlergehen hinzugeben. Sie arbeiten. Entweder mit Putzlappen in Küchen. Oder aber an und mit ihren Kindern.

Stress entsteht…

Stress entsteht, wenn wir über lange Zeit tiefere Bedürfnisse ignorieren und nicht aus Bedürfnissen handeln. Unter Stress setzt der Körper Kortisol frei, eines der Hormone, das uns in bedrohlichen Situationen mobilisiert. Intelligentes und kreatives Problemlösen ist sehr stressanfällig. Und falls jemand der Meinung ist, ganz wichtige Sätze zu markieren oder an die Kühlschranktür zu hängen. Der folgende Schachtel-Satz ist dafür prädestiniert:

Wir haben unter Stress keinen optimalen Zugang zu unseren Kompetenzen und Werten und das ist der Grund dafür, dass wir manchmal Dinge tun, die wir doch eigentlich gar nicht tun wollten und deswegen müssen wir gut für uns und unsere Bedürfnisse sorgen und deswegen sage ich „JA“ zu mir selbst und deswegen bin ich keine schlechte Mutter und kein schlechter Vater, wenn ich mir gut tue, sondern ich bin ein wunderbares Rollenmodell in der Übernahme persönlicher Verantwortung.

Und jetzt: Durchatmen, Luft holen, Kaffee trinken…
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In meiner Familienakademie erinnern wir uns regelmäßig an unsere Vorbildfunktion als Eltern. Und das heißt nicht unbedingt, dass wir darüber beratschlagen, wie wir unseren Kindern gute Manieren beibringen. Das heißt, dass wir uns gegenseitig ermutigen, zu uns, unseren Bedürfnissen und Grenzen zu stehen. Und wer behauptet, dass das in Liebesbeziehungen immer einfach wäre, kriegt Ärger und was mit dem Putzlappen 😊.

Du bist ganz herzlich eingeladen…

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Depressionen

Depressionen – Wenn Menschen lernen, sich selbst zu unterdrücken

Immer mehr junge Menschen leiden unter Depressionen. Warum? Fehlt es ihnen an der “richtigen” Einstellung. Mangelt es ihnen an “Regeln und Grenzen”? Sind sie zu wenig belastbar? Nein. Sie werden deprimiert (deprimere: u.a. niederdrücken), lernen am Vorbild, sich selbst zu deprimieren und entwickeln deprimierende Verhaltensweisen, um Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle zu betäuben.

Depressionen sind das Ergebnis einer Erziehung, die Menschen verpflichtet, “Nein” zu sich selbst zu sagen. Wer sich selbst verneinen muss, um nicht verstoßen zu werden, verliert auf Dauer die Fähigkeit, mit einem guten Gewissen “Ich will…”, “Ich will nicht…”  oder “Lass das!” zu sagen. Deprimierte Menschen sind kaum mehr in der Lage, auf das zuzugehen, was sie brauchen, von dem wegzukommen, was schadet und gegen das anzugehen, was ihre Integrität verletzt.

Mit anderen Worten: Depressionen sind das Ergebnis eines Aufwachsens, in dessen Verlauf Menschen von ihren Aggressionen getrennt wurden (adgredi: Hingehen, sich annähern, ansprechen, Geschäfte anpacken, Feinde angreifen..).

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Kinder sind kompetent, bis…

Niemand kommt mit Depressionen auf die Welt. Kinder sind von Geburt an kompetent darin, Bedürfnisse zu kommunizieren (Schreien), Sättigung anzuzeigen (Kopf wegdrehen) und die eigenen Grenzen mitzuteilen (Beißen). Wer in seiner Familie und später in der Schule zur Überanpassung und zum Stillhalten verpflichtet wird, lernt vielleicht, sich zu benehmen und Beachtungs-Vertragsbedingungen zu erfüllen. Die Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl jedoch sind fatal.

Gäbe es einen Beipackzettel für eine Erziehung und Pädagogik, die darauf abzielt, Menschen ruhig zu stellen und normal zu machen, müsste auf diesem stehen:

“Es ist mit Nebenwirkungen zu rechnen, zum Beispiel mit Depressionen und fehlender Selbstliebe.”

Ein gesundes Selbstwertgefühl – Sich nüchtern anerkennen können

Sich möglichst nüchtern anerkennen zu können, macht ein gesundes Selbstwertgefühl aus: „Na ja gut, meine Nase ist ziemlich groß, diese Falte war gestern auch noch nicht da und zehn Kilogramm weniger wären auch nicht so schlecht. Aber was soll`s. So wie ich bin, bin ich okay.“

Wer sich nicht nüchtern annehmen kann, ist angewiesen auf Überlebensstrategien, um sich besser ertragen zu können. Manche Menschen konsumieren übermäßig viel Alkohol. Andere versuchen, sich über Leistungen zu spüren und aufzuwerten.

Schulen: Spiegelbilder und Erzeuger eines kollektiven instabilen Selbstwertgfühls

Ich denke, dass wir in unserer Leistungsgesellschaft ein massives Problem auf der Ebene des Selbstwertgefühls haben und unsere Schulen sowohl Spiegelbilder als auch Miterzeuger eines kollektiven instabilen Selbstwertgefühls sind. Die meisten Kinder werden groß in Umgebungen, in denen Fach- und Anpassungsleistungen darüber entscheiden, ob sie dazugehören und “richtig” sind.

Zwar führen viele Menschen nach Beendigung ihrer Schullaufbahn ein pflichtbewusstes und nach ökonomischen Maßstäben erfolgreiches Leben. Jedoch stehen sie – so zumindest lautet meine Überzeugung – nicht in Kontakt mit ihrem Wesen und ihrem wesensgemäßen Potential. Das Erbringen von Leistungen mitsamt der Hoffnung, für das Vollbrachte wertgeschätzt zu werden, wird zum Synonym für persönliche Weiterentwicklung und sinnvolles Leben.

In der Theorie mag es ein Leichtes sein, zu unterscheiden zwischen der Ebene des Selbstwertgefühls und der Ebene der Leistungen (Selbstvertrauen). In der Praxis jedoch – und das weiß jeder, der getrieben wird von der Idee, sich seinen Wert verdienen zu müssen – verkrümelt sich all unser Theoriedenken schnell wieder im Bücherschrank.

Mein Wert = Meine Leistungen

Ein Kind, das ständig verglichen, bewertet, motiviert, korrigiert wird, stellt irgendwann die Gleichung auf: Mein Wert = Meine Leistungen. In der Welt eines neunjährigen Kindes ist die Fachnote Fünf niemals eine reine Fachnote. Es bezieht die Note vollautomatisch auf sich. Als Mensch. Es denkt nicht: “Ich habe eine Fünf in Mathematik.” Es denkt: “Ich bin eine Fünf!”

Man könnte nun meinen, dass Berichtszeugnisse eine Alternative zur traditionellen Benotung seien. Jedoch müssen wir wissen, dass Berichtszeugnisse im Grunde genommen auch Notenzeugnisse sind – nur eben anders. Außerdem sind sie nach meiner Erfahrung nicht selten ein Sammelbecken für Formulierungen, die mit den eigentlichen Fachleistungen (und mit dem Auftrag der Lehrer) nichts zu tun haben.

Sätze, wie zum Beispiel “Du bist zu faul!”, “Du strengst dich nicht genügend an!” oder “Du bist immer abgelenkt!” sind genauso “normal” wie anmaßend, generalisierend, abwertend und unprofessionell. Denn abgesehen davon, dass kein Mensch auf diesem Planeten “IMMER abgelenkt” ist, wüsste ich nicht, in welcher Ausbildungsphase und vor welchem theoretischen Hintergrund Lehrer befähigt wurden und werden, die Einschätzung “Du strengst dich nicht genügend an” vornehmen zu dürfen.

Das große “JA” – Was Eltern tun können

Menschen, die zur Überkooperation verpflichtet werden und sich schließlich zur Überkooperation verpflichtet fühlen, deprimieren sich irgendwann selbst. Unwillkürlich schaffen sie den häufigsten Grund für (spätere) Therapien: Unterdrückung der Lebenskraft (vgl. Lance Secreten: Inspirieren statt Motivieren).

Unser Dasein und unseren Wert können wir uns nicht verdienen. Wir sind nicht richtig und wir sind nicht falsch. Wir sind. Wir sind human beings und nicht human doings.

Was können Eltern tun, um das Selbstwertgefühl ihres Kindes zu stärken? Um diese Frage zu beantworten, kann man auf einer sehr theoretischen und sehr abstarkten Ebene nachdenken und (neue) Gedankengebäude errichten.

Ich möchte stattdessen ein Bild anbieten:

Wenn dein Kind am Morgen mit vierzehn Kuscheltieren im Arm in die Küche wankt, braucht es drei Dinge:

  1. Einen kalten Kakao
  2. Eltern, aus deren Augen die Botschaft funkelt: “Schön, dass du da bist.”
  3. Eltern, die mit sich selbst einverstanden sind.

Zusammenfassend kann man sagen: Kinder brauchen das große “JA” ihrer Eltern. Wer in sich selbst das große “JA” spürt, wird nicht anfällig werden für Depressionen…

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Um seinem Kind das großes “JA” mitzugeben, üben wir uns in meiner Familienakademie darin, “JA” zu uns selbst zu sagen. 

Willste mitmachen 🙂 ? Dann los!

Liebe Grüße, Andreas Reinke

INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

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Helikoptereltern – Wenn Eltern an den Pranger gestellt werden…

Bevor ich Vater wurde, war ich bereits seit zwei Jahren Lehrer. In dieser Zeit ging ich einer Beschäftigung nach, die für Junglehrer durchaus typisch ist: Ich übte mich darin, alles besser zu wissen, Eltern zu belächeln und sie als „Helikoptereltern“ zu betiteln. In meiner jugendlichen Arroganz dachte ich, dass es ja nun wirklich nicht so schwer sein kann, sein Kind „richtig“ zu erziehen. Hier ein paar Regeln und Grenzen, da einige Ansagen und Konsequenzen. Das Ganze garnieren mit einer guten Portion Fürsorge und dann läuft der Laden. Ich hielt mich für das Maß aller Dinge und wusste selbstverständlich sehr genau, was eine „gesunde Portion Fürsorge“ ist und ab wann Fürsorge zur Überfürsorge wird.

Überfürsorgliche Eltern

Mit Unverständnis, einigen angelesenen Argumenten und etlichen normopathischen Sprachgewohnheiten reagierte ich auf „überfürsorgliche Eltern“, deren wichtigste Aufgabe meiner Meinung nach darin bestand „einfach mal loszulassen“ und „uns Lehrern zu vertrauen“. Aus heutiger Sicht ist es mir geradezu peinlich: Vor mir saßen Erwachsene mit zum Teil deutlich mehr Lebenserfahrung und ich ärgerte mich darüber, dass Sie mir, dem allwissenden Lehrer, mit Skepsis begegneten. „Eindeutig beratungsresistente Eltern!“, resümierte ich nach so manchem Elterngespräch. Oder: „Die Eltern von Jasmin wollen DER Realität einfach nicht ins Auge schauen!“

Was bitte wusste ich nach einem Leben voller Schule bitte über eine wie auch immer geartete Realität?

Ich bediente mich scheinprofessioneller Floskeln und war voll infiziert mit dem Glaubenssatz, dass ich allein vor dem Hintergrund meiner Rolle als Lehrer immer im Recht sei. Heute weiß ich, dass eines der größten Probleme an unseren Schulen darin besteht, dass noch immer unzählige Lehrer meinen, sie müssten als sogenannte rollenbedingte Autoritäten für „Ruhe und Ordnung“ sorgen. („Du hast mir zu gehorchen, weil ich Lehrer bin!“) Dieser Führungsstil funktionierte möglicherweise vor vierzig Jahren, nicht jedoch im Jahre 2019.

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Wer sich heute als Lehrer vor Schülern oder Eltern aufbaut und meint, aus seiner Lehrerrolle heraus Eindruck machen zu können, muss entweder unfassbar viel Druck aufbauen, um für „RUUUHE!“ zu sorgen oder unter Schmerzen lernen, dass es an der Zeit ist, den Schritt von der rollenbedingten zur persönlichen Autorität zu wagen.

Ich Lehrer. Du Jane

Wenn ich an den Lehrer denke, der ich einst war, kommt in mir der Wunsch auf, mich bei alle den Eltern zu entschuldigen, denen ich mein einfältiges Lehrer-Käseglocken-Weltbild überstülpen wollte. Nur: Woher hätte ich wissen sollen, dass Beziehungskompetenz etwas Anderes ist als „Hinsetzen und zuhören! Ich Lehrer. Du Jane!“?

In unserer Ausbildung hatten wir nichts gelernt, um die Verantwortung für das eigenen Denken und für die Qualität der Beziehung zu übernehmen. Wir wurden zu Wissensvermittlern ausgebildet.

Dann, nachdem ich zwei Jahre lang von Eltern erwartet hatte, meinen Erziehungsidealen zu entsprechen, kam meine Tochter Emma zur Welt. Vom ersten Tag an hatte sie eine etwas andere Idee vom Leben auf diesem Planeten. Meine modellhaften und statischen Seifenblasen-Ideen vom einfachen Elternsein zerplatzten innerhalb von Tagen und ich fing an zu rotieren und nachzudenken.

Zum Glück hatten wir als Eltern immer ausreichend Humor, um uns selbst auf die Schippe zu nehmen. Das entspannt! Unter lautem Gelächter bezeichneten wir uns wahlweise als „Lari-Fari-Eltern“ (Die Mutter meiner Tochter war Lari und ich war Fari…) oder auch als Helikoptereltern.

Eltern im Spannungsfeld

Meine Erfahrungen als Vater haben mir geholfen, meine Einstellung gegenüber Eltern komplett zu erneuern. Ich habe den allergrößten Respekt vor all den Eltern, die den Mut haben, sich im Spannungsfeld aus elterlicher Integrität („Hier sind wir. Mit all unseren Werten, Unsicherheiten, Ängsten, Wünschen, Träumen, Grenzen, Bedürfnissen, Kindheitserfahrungen und mit all unserer Liebe“) und Kooperation im Außen (Krippe, Kindergarten, Schule, Erziehungsexperten, Lehrer, Bücher, Ratgeber, Medien, Großeltern, Freunde, WhatsApp-Gruppen…) zurechtzufinden und zu positionieren.

Ähnlich wie Kinder und Jugendliche leben Eltern heute in einer Welt, in der zumindest zwischen den Zeilen folgender Imperativ die Menschen auf Dauer verrückt macht:

„Seid so, wie ihr seid und haltet euch an die Norm!“ Das nennt man ein kognitives Dilemma.

Umgang mit Helikoptereltern

Und wie gehe ich mit den sogenannten „Helikoptereltern“ um?

Schritt 1: Ich emanzipiere mich von der Bezeichnung „Helikoptereltern“ und gehe stattdessen in den gleichwürdigen Dialog.

Mag sein, dass heute viele Eltern aus Liebe zu ihren Kindern, in dem Wunsch, gute Eltern zu sein und aus Angst vor Horrorszenarien das Rotieren beginnen. Mag sein, dass es heute vermehrt Kinder gibt, die an der Seite von Eltern aufwachsen, die in Reaktion auf die eigene Kindheit die eigenen persönlichen Grenzen aufgeben. Mag sein, dass manche Eltern nicht genau wissen, was der Unterschied ist zwischen Lust und Bedürfnis.

Aber wer bitte sind wir, dass wir als Lehrer meinen, darüber befinden zu dürfen, was „richtig“ (fürsorglich) oder „falsch“ (überfürsorglich) ist. Haben wir Kurse zu der Frage belegt, ab wann Eltern in die Kategorie „Helikoptereltern“ gehören? Sind wir aufgrund eines besonderen Fach- bzw. Geheimwissens dazu autorisiert, über Eltern zu richten beziehungsweise Eltern zu instruieren? Und mal ehrlich: Was wissen wir über Bindungsforschung, Entwicklungspsychologie, Neurobiologie?

„Also ehrlich. Ich muss doch keine besonderen Kurse besuchen oder Fachbücher lesen, um zu wissen, was richtig und falsch ist. Das SIND Helikoptereltern. Das sehe ich doch. Da reicht mir mein gesunder Menschenverstand!”

Vorsicht! Es gab Zeiten, da sich Menschen ihres gesunden Menschenverstandes bedienten und sehr schlimme Dinge taten.

Scheinprofessionelle Formulierungen

Ich selbst lehne die Bezeichnung „Helikoptereltern“ mittlerweile komplett ab. Nach meiner Erfahrung geht der Gebrauch der Formulierung „Helikoptereltern“ für gewöhnlich einher mit Besserwisserei, Respektlosigkeit und Anklage. Und ich muss es so klar sagen: Im Umfeld Schule ist es geradezu salonfähig geworden, mit scheinprofessionellen Formulierungen wie zum Beispiel „Helikoptereltern“ für „Klarheit“ zu sorgen:

„Das sind Helikoptereltern. Da kann man nichts machen.“ (Was sind „Helikoptereltern“?)
„Ihr Kind hat ein Wahrnehmungsproblem!“ (Was ist ein „Wahrnehmungsproblem“?)
„Als Schulleiter muss ich für den Schulfrieden sorgen!“ (Was ist „Schulfrieden“?)
„Jan ist ein Klassenclown.“ (Ein WAS?)
„Schüler X hat einen Förderbedarf im Bereich geistige Entwicklung.“ (Kann mir bitte jemand erklären, was der „Geist“ ist?)

Okay, aber was mache ich denn als Lehrer, wenn ich den Eindruck habe, dass die Eltern von Katja auf eine erdrückende Weise fürsorglich sind?

Ich löse mich von dem Gedanken, dass ich irgendeine objektive Wahrheit kenne und lade die Eltern ein zum gleichwürdigen Dialog. Und wenn es mir gelingt, einen guten Kontakt zu etablieren, werden Eltern nach meiner Erfahrung IMMER offen werden für neue Gedanken, Fragen und Hinweise. NICHT offen werden sie, wenn ich mit der Idee der „Helikoptereltern“ auf sie einrede und ich selbst nicht offen bin.

Ein Gedanke zum Abschluss:
Was ist das eigentlich für eine merkwürdige Logik, dass wir Lehrer immer dann, wenn es gut in unser Konzept passt, darauf bauen, dass Eltern durch die Gegend „helikoptern“?

Eltern sollen einerseits ihre Grundschulkinder am Eingang zur Schule abgeben (weil die ja schon groß sind) und andererseits dafür Sorge tragen, dass die Hausaufgaben vollständig und fristgerecht abgegeben werden.
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In der Familienakademie sind alle Eltern eingeladen, die viel Freude daran haben, miteinander die Helikopter-Perspektive einzunehmen, um sich und seine Familie mal „von oben“ anzuschauen 😊

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Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Selbstwertgefühl durch Einfühlungsvermögen

Selbstwertgefühl durch Einfühlungsvermögen

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten. Geschichten, die mich packen, durch den Fleischwolf drehen, mich nachdenklich stimmen, aufregen, ermutigen, besänftigen, motivieren, belustigen, traurig machen, erinnern.

Wer hat nicht schon während einer Buchlektüre die Nahrungsaufnahme verweigert oder im Kino Rotz und Wasser geflennt? Wer hat nicht schon Erwachsene erlebt, die im Alltag die emotionale Flexibilität einer Gabel zu haben scheinen und plötzlich Tränen tupfen, weil sie auf Netflix absorbiert werden von einer Liebesgeschichte oder einer Tragödie? Und mal unter uns: Wer hat nicht schon mit seinem Kind Filme wie Bambi, E.T. oder Ostwind angesehen, um die eigenen trüben Augen allein dadurch zu erklären, dass man nur „etwas müde“ sei?

Gute Geschichten berühren und verbinden uns. Sie bringen uns in Kontakt mit uns, unseren Erfahrungen, unserem Humor, unserer Trauer, unserer Wut, unseren Träumen, Wünschen, Emotionen, Bedürfnissen, unserer Empathie, unserem Einfühlungsvermögen. Sie stärken unser Gefühl für uns und für andere. Im Sog einer guten Geschichte werden wir zu anderen und sind doch mehr ICH als je zuvor

Ein gesundes Selbstwertgefühl: Alle Gefühle in mir dürfen da sein!

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten. Sie lassen uns spüren, nehmen uns mit, machen uns reich. In uns allen gibt es dieses besondere Vermögen. Das Vermögen, sich einzufühlen. In uns. In andere. In das, was zwischen den Menschen liegt. Unser Einfühlungsvermögen ist ein Schatz, der darauf wartet, von uns und mit anderen entdeckt und gehoben zu werden. Geschichten, die ans Herz gehen, öffnen uns und erinnern uns an uns selbst. Sie sind eine Einladung zum Ich und zum WIR. Sie stärken unser Selbstwertgefühl UND unser Gemeinschaftsgefühl.

Regelmäßig fragen mich Eltern: “Was können wir als Eltern tun, um das Selbstwertgefühl unserer Kinder zu stärken?”

Eltern können zum Beispiel mit ihnen Geschichten erleben, lesen, anschauen, schreiben, erfinden, verarbeiten. Kinder entwickeln dann ein gesundes Selbstwertgefühl, wenn sie an der Seite von einfühlsamen Eltern fühlen dürfen, ohne ständig umsorgt, abgelenkt oder “korrigiert” zu werden. Eltern mit Einfühlungsvermögen unterscheiden nicht zwischen “guten” und “schlechten” Gefühlen. Für sie gehören alle Gefühle dazu: Trauer, Freude, Liebe, Angst, Wut.

Gute Geschichten sind “Fühl-Geschichten”. Sie ermöglichen die so wichtige Lebenserfahrung: Alle Gefühle in mir dürfen da sein.

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Die Erfahrung des “Nicht-Seins”

Und wenn mein Kind ängstlich ist, weil es sich um das Huhn sorgt, das in der Geschichte mit dem „bösen“ Fuchs Gefahr läuft, von eben diesem gefressen zu werden, sage ich nicht: „Ach, mach dir mal keine Sorgen. Ist doch nur eine Geschichte. Vielleicht wird der Fuchs ja auch spontan zum Vegetarier.“ Ich sage entweder gar nichts (und nehme mein Kind empathisch in den Arm) oder ich sage: „Oh ja, das kann ich gut verstehen, dass du dir Sorgen um das Huhn machst.“

Wenn mein Kind wütend ist, weil der Zauberer nichts Gutes im Schilde führt, IST es wütend. Wenn mein Kind traurig ist, weil die kleine Prinzessin ihre Eltern vermisst, IST es traurig. Und wenn sich mein Kind freut, weil die Katzen am Ende des Films eine wilde Party feiern, IST es voller Freude. Zu viele Kinder machen heute die Erfahrung des “Nicht-SEINS”. Sie dürfen nicht wütend SEIN. Sie dürfen nicht ungeduldig SEIN. Sie dürfen nicht überschwänglich SEIN…

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten. Sie nehmen uns mit in fremde Welten…

Digitale Welt

„Ja, aber da gibt es ja auch noch die digitale Welt! Wie gehen wir damit um, wenn wir feststellen, dass unser Kind von den Geschichten seiner PS4-Helden geradezu verschlungen wird?”

Möglichkeit 1: Erziehung, Regeln, Stecker ziehen, Familienkrieg, Beratungsstellen aufsuchen, Psychologen konsultieren, Medienpädagogen befragen…

Möglichkeit 2: Wir schauen unser Kind freundlich an und sagen: „Erzähl` mal, was du heute in deiner Welt erlebt hast und wie es dir dabei erging.“

Auch in der digitalen Welt erleben und schreiben junge Menschen Geschichten und ich werde nicht müde, Eltern zu empfehlen, sich vielleicht eher für das zu interessieren, was ihre Kinder an den Bildschirmen tun, denken und fühlen, anstatt ständig den Teufel an die Wand zu malen oder „Regeln zum kompetenten Umgang mit den neuen Medien“ an die Kühlschranktür zu heften.

Ist es für Kinder und Jugendliche per se gefährlich ist, wenn sie über Stunden Minecraft, Fortnite oder Assassins Creed spielen? Nein, der Meinung bin ich überhaupt nicht. Das Ab- und Eintauchen in fremde Welten wird erst dann gefährlich, wenn es den Ab- und Eingetauchten an einem gesunden Selbstwertgefühl fehlt und sie DESWEGEN untergehen.

Ich bin davon überzeugt, dass Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl keinen Schaden nehmen, wenn sie vierzehn Stunden am Tag Lara Croft spielen (oder Bücher lesen).

Ein stabiles Selbstwertgefühl ist die Basis…

Ein gesundes Selbstwertgefühl ist die Basis, um zum Gestalter der eigenen Lebensgeschichte zu werden. Ob Kinder aus ihrer eigenen Geschichte eine Liebesgeschichte machen oder ein Drama, hängt nicht zuletzt davon ab, ob Eltern einfühlsam, achtsam und anerkennend in Beziehung gehen können. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie so, wie sie sind, okay sind.

Bedingungslos.

Dann werden sie das nächste Level schon packen.

Ich liebe Geschichten. Gute Geschichten…

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Ich möchte dich einladen an einen “geschichtsträchtigen” Ort. In der Familienakademie triffst du auf Menschen mit viel Einfühlungsvermögen und einem Rucksack voller guter, bewegender, inspirierender Geschichten. 

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Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN

Pubertät

Pubertät – Wenn Eltern in Panik geraten…

“Mein Kind kommt in die Pubertät!”, sagte die Mutter und ging in Deckung.
Der Experte runzelte die Stirn und entgegnete mit finsterer Miene: „Gerade in der Pubertät müssen Sie Ihrem Kind klare Grenzen aufzeigen! Auf keinen Fall dürfen Sie alles durchgehen lassen!”

Und wenn sie nicht von der Pubertät des Jugendlichen erschlagen wurden, dann sorgen sie sich noch heute…

Sehr viele Eltern neigen dazu, die natürlichen Autonomiebestrebungen ihrer Kinder zu problematisieren und zu unterbinden. Und ich kann es ihnen nicht verdenken, schließlich treffen sie in ihrem Lebensumfeld gehäuft auf Fachleute, wie zum Beispiel Lehrer, Schulpsychologen oder Erziehungsberater, denen kaum etwas Besseres einzufallen scheint, als vom zukünftigen Scheitern zu faseln, so die Zügel nicht endlich angezogen würden.

Schule will gehorsame Kinder und Jugendliche…

Vor einiger Zeit meldeten sich Eltern bei mir, weil sie angesichts der gegenwärtigen schulischen Situation ihres Kindes – nennen wir ihn mal Max – komplett verzweifelt waren. Sie waren so sehr beeinflusst worden von den Moralpredigten und Angst-Szenarien der Pädagogen, dass sie mittlerweile tatsächlich glaubten, schlechte Eltern zu sein, denen die Erziehungs-Felle schon längst davongeschwommen waren. Seitens der Schule waren massive Drohungen ausgesprochen worden, ein Schulpsychologe war eingeschaltet worden und kein Gespräch lief ohne den Schulleiter ab. Selbstverständlich wurden Gesprächsergebnisse in Form eines Protokolls festgehalten. Man weiß ja nie. Als ich nachfragte, an welcher Stelle der Konflikt begonnen hatte, antworteten die Eltern nahezu entschuldigend: „Max hatte sich verweigert, im Unterricht sein Basecap abzunehmen.“

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Pubertät heißt: Nein zum Gehorsam!

Glücklicherweise kannte mich die Familie bereits seit einiger Zeit, denn meine Spontanreaktion des lauten Auflachens hätte mit Sicherheit für Irritation gesorgt, wenn wir uns an dem Tag zum ersten Mal gesprochen hätten. Ich konnte einfach nicht fassen, dass hier ein riesengroßes Fass aufgemacht worden war, weil ein vierzehnjähriger Junge „Ja!“ zu sich selbst (und seinem Basecap) und „Nein!“ zum Gehorsam gesagt hatte.

Ehrlicherweise ist die Situation für etliche Eltern und Jugendliche vor dem Hintergrund schulischer Tyrannei alles andere als zum Lachen, aber manchmal hilft nur noch Humor. Ich lud die Eltern ein, abends eine Party zu feiern, zu der alle ein Basecap tragen könnten. Ich beendete das Gespräch mit folgendem Satz: „Sie müssen ganz wunderbare Eltern sein, denn Ihr Sohn ist in der Lage, trotz eines immensen äußeren Drucks für sich selbst einzustehen.“

Erziehung zur Verantwortlichkeit?

„Ja, aber Kinder und Jugendliche können doch nicht immer machen, was sie wollen. Und später können sie ja auch nicht…!“

Wie stellen wir uns die Nummer vor? Junge Menschen wie Max werden zum Mitlaufen und zur Überanpassung verpflichtet und dann erwarten wir, dass sie als Erwachsene plötzlich persönliche und soziale Verantwortung übernehmen? Die Pointe ist doch: Wenn an einem erst „trotzigen“ Mäxchen und später „pubertierenden“ Max ein Maximum an Erziehung vorgenommen wird, darf sich doch bitte niemand wundern, wenn sich der erwachsene Max verhält wie ein gehorsamer Zirkuselefant, der in jungen Jahren daran gewöhnt wurde, an einem vergleichsweise kleinen Pflock angebunden zu sein. Als dressierter und wohlerzogener Bulle wird er wahrscheinlich kaum noch in Erwägung ziehen, sich aus den Fußfesseln biographischer Verstrickungen zu befreien. Und das, obwohl ihm als kräftiger Elefant natürlich genügend Muskelkraft zur Verfügung stände. Nein, er wird innerlich verharren wie eine vor sich hinvegetierende Pflanze und an dem festhalten, was die “freiwillige Knechtschaft” (Arno Gruen) an Sicherheit zu spenden verspricht. Er wird funktionieren, ganz gewiss Vieles „richtig“ machen und im Außen Zustimmung erfahren für sein „ambitioniertes Leben“. Aber eines Tages meldet sich über Symptome eine innere Stimme, die sehr deutlich mitteilt: „Nun wird es aber Zeit, dass du mich wiederentdeckst.“

Der Weg zum Psychotherapeuten – Der Weg zu sich selbst

Ich frage Eltern manchmal, ob sie schon mal versucht haben, einen Termin bei einem Psychotherapeuten zu bekommen. „Ja“, sagen einige, „und da muss man viel Geduld aufbringen, weil man oft erst nach einem Jahr einen Platz bekommt.“ Woran liegt das? Daran, dass es zu wenige Therapeuten gibt oder diese zu wenig arbeiten? Nein, selbstverständlich nicht. Die Praxen werden überrannt, weil unzählige Erwachsene eines Tages in Form von Krisen, Wendepunkten und Brüchen merken, dass sie mit den anerzogenen Überlebensstrategien nicht glücklich sind und wohl auch nicht glücklich werden.

Übrigens: Wohl dem, der einen Termin bekommt. Ich bin kein Psychotherapeut, aber ich denke, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich behaupte, dass eine der wichtigsten Grundbotschaften im Zuge einer Therapie lautet: “Sie müssen lernen, wieder `Ja` zu sich selbst zu sagen.”

Richtige Erziehungsstile während der Pubertät?

“Okay, aber welcher Erziehungsstil ist denn nun zu empfehlen, wenn Kinder in die Pubertät kommen?”

Meine Antwort: Keiner.

All diese restriktiven Erziehungsversuche, deren Ausgangsperspektive die ausgesprochene oder gedachte Formulierung „Wenn nicht, dann…!“ enthält, beeindrucken im Regelfall nur den, der gerade erziehen will. Sie erwecken bisweilen durchaus den Anschein, als würden sie schnell und effektiv wirken. Allerdings sollten wir bedenken, dass klassische erzieherische Maßnahmen eher nicht dazu führen, dass junge Menschen plötzlich einsichtig werden und sagen:

“Danke Mami und Vati, jetzt habe ich verstanden. Die Mütze muss vom Kopf, Rauchen ist ungesund und ich sollte besser mal die Frankfurter Allgemeine lesen, als so viel Zeit vor dem Computer zu verbringen.” Nein, klassische Erziehungsmodelle sind zumeist nur deswegen (vorübergehend) wirksam, weil sie die Integrität des zu Erziehenden bedrohen und keine alternativen Handlungsoptionen zulassen. Im Übrigen – und damit möchte ich mich an dieser Stelle nicht ausführlicher auseinandersetzen – sind diese modern und freundlicher wirkenden Modelle, wie zum Beispiel das ständige Loben oder das manipulative Belohnen nur die Kehrseite einer Erziehung, die auf Drohungen und Strafen (neudeutsch: Konsequenzen) setzt.

Alternative: Beziehung statt Erziehung…

Was ist die Alternative? Hier eine vielleicht etwas ungewöhnliche Antwort in Form eines Briefes:

Liebe Eltern,

versucht nicht, euren Kindern die Ecken und Kanten des Lebens vorzuenthalten. Krisenklau signalisiert Misstrauen und unterbindet Entwicklungsmöglichkeiten. Macht aus euren Kindern keine Glückskäfer, denn sie tragen schwer an den Lasten elterlicher Glückserwartungen. Wenn eure Kinder durch Krisen gehen, stellt euch an den Wegesrand, schenkt ihnen euer Vertrauen, verbindet Wunden und reicht Getränke. Geht ruhig auch eine Meile in den Schuhen eurer Kinder und spürt hin. Nichts scheint der Entwicklung von Kindern zuträglicher zu sein, als dass sie sich von ihren Eltern gesehen fühlen. Aber vergesst nicht, die Schuhe eurer Kinder wieder auszuziehen. Es sind nicht eure Schuhe, es ist nicht euer Weg, es ist nicht euer Leben. Eure Kinder gehören sich selbst. Seid empathisch, einfühlsam, aufmerksam UND klar. Das heißt: Leistet Widerstand und teilt euren Kindern mit, was ihr denkt. Passt gut darauf auf, die Krisen eurer Kinder nicht zu euren Krisen zu machen. Kinder stecken voller Energie, aber sie ertragen es auf Dauer nicht, wenn ihnen in Liebesbeziehungen Hilfe angeboten wird, um dann irgendwann die Erfahrung zu machen, dass sie denjenigen zu Hilfe kommen müssen, die einst Hilfe anboten. Kinder ersticken an Schuldgefühlen, wenn sie den anmaßenden Gedanken denken und glauben, für das Wohl und Übel ihrer Eltern verantwortlich zu sein.

Pubertät ist keine Krankheit!

Und wer es etwas „bodenständiger“ mag:

  • Geht mit euren Kindern in Beziehung. In eine gleichwürdige Beziehung…
  • Seid persönlich.
  • Gebt ihnen echte Rückmeldungen, ohne sie zu entwürdigen.
  • Führt ein eigenes Leben.
  • Verbindet eure Wunden, wenn sich eure Kinder langsam abkapseln.
  • Glättet eure Sorgenfalten.
  • Sprecht möglichst „normal“.
  • Interessiert euch.
  • Hört auf zu referieren und zu diskutieren. Hört lieber zu.
  • Haltet euch mit Lösungen zurück.
  • Mischt euch nicht ständig ein.
  • Feiert Autonomiebestrebungen.
  • Fragt eure Kinder, ob sie eure Unterstützung wollen und brauchen.
  • Prüft, wer gerade ein Problem hat: Eure Kinder oder ihr…
  • Achtet eure Grenzen und die eurer Kinder!!!!!!!!
  • Lasst euch nicht verrückt machen. Auch nicht durch die Schule.
  • Hört auf zu erziehen. Das bringt sowieso nichts!
  • Und macht euch bitte klar: Pubertät ist keine Krankheit. Pubertät ist eine natürliche Entwicklungsphase!!!

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Dein Kind kommt / ist in der Pubertät? Du bist herzlich eingeladen, in meine Familienakademie zu kommen, um dich mit mir und anderen Eltern darüber auszutauschen, wie du mit deinem “pubertierenden Kind” in eine gleichwürdige Beziehung kommen kannst. 

Hier geht`s lang… – Ich freue mich auf dich. Echt jetzt 🙂 

Andreas Reinke – INSPIRATION FÜR ELTERN UND PÄDAGOGEN


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